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Southern Gothic Tales + Il Tempo Gigante @ Rust, 10.06.2011

Ein mehr als großartiges Lineup. Die beiden Bands schließen ihre gemeinsame Tour durch Dänemark in einer der schlechtesten Venues des Landes. Den Spaß lassen wir uns trotzdem nicht verderben. Und zelebrieren musikalische Melancholie.

Kurz nach Zehn betritt Rolf Hansen aka Il Tempo Gigante mit seinen beiden Mitstreitern, Jeppe Gram am Schlagzeug und dem Mann für alles, Jakob Falgren, die Bühne. Das ist das erste Mal seit Herbst 2008, dass ich Il Tempo mit so großer Besatzung sehe (damals allerdings als 6-köpfiges Orchester). Die letzten vielen, vielen Konzerte war es immer nur Rolf Hansen, seine Loopstation und sein ewiges sympathisches Grinsen. Normal beginnt er ein Lied mit Gitarre oder mit Bassdrum, indem er den Takt auf das Mikrophon klopft, dann loopt er das Ganze und von da an entwickeln sich die Lieder, wachsen sich symphonisch groß inklusive mehrstimmigem Chor. Das braucht Zeit und ein Konzert ist meistens nicht länger als 4-5 Lieder. So merkwürdigerweise aber auch heute. Vom Opener Blue Bird über die Titelnummer des Debutplatte „Lost Something Good“ bis zu dem neuen Stück I Really Thought This Could Be The End. Fünf Lieder in einer knappen Dreiviertelstunde.

„Lost Something Good“ ist vor fast genau einem Jahr erschienen und ganz newschoolig leider immer noch nur als Download erhältlich. Da sind Anders H. Riss und Southern Gothic Tales schon weiter; heute ist nämlich auch inoffizielle Vinyl-Releaseparty von „Modern Man“. Kauft man die Platte, bekommt man den Eintritt zurück. So mag man das. Es gibt auch nur Lieder von der neuen LP. Die Band läuft wieder zu Hochtouren auf, allen voran natürlich Moogie Johnson, der wohl wirklich einer der besten Bassisten und – wie Jakob Falgren – Allesmöglichmann des Landes ist. Und genau wie Falgren hat auch er mindestens 5 verschiedene Bands, in denen er spielt.

Die dunklen Saufballaden beginnen heute mit Blackend Heart und düster geht es weiter: Falling Man, Dark Days und natürlich Fuck Me Up With Words And Wine: „Tonight, just fuck me up with words and wine / And let your thoughts get lost in mine / Delirious we will try to find a meaning in this world“.

Den Sinn des Lebens finden wir heute zwar nicht – das ist auch nicht möglich im verbrummten Sound hier im Rust – aber wir feiern wenigstens kleine Einblicke in die große Melancholie des Daseins.


Il Tempo Gigante: Your Father And I Il Tempo Gigante


Southern Gothic Tales: Fuck Me Up With Words And Wine Southern Gothic Tales

Rolf Hansen aka Il Tempo Gigante hat gerade einige Konzerte in Deutschland gespielt und fand auch Zeit für ein kleine Balkongastspiel.

Und ich erhole mich gerade von The Wall – und da möchte ich mich doch nochmal bei meinem Bruder, der mir Pink Floyd vor 20 Jahren nahegebracht hat, bedanken.

Dass Rock tot sein soll, wurde die letzte Woche ja ausgiebig in der englischen Presse behauptet. Nicht tot ist auf jeden fall dieser Blog. Aufgewacht aus dem Winterschlaf ist es an der Zeit, auf das Jahr 2010 zurückzublicken. Nachdem die gesamte Welt ja schon ihre Top 10 für 2010 veröffentlicht hat, soll meine natürlich nicht fehlen.

10. Teitur: Let The Dog Drive Home (Playground Music/Arlo And Betty), VÖ 4.10.2010

Unser liebster Färinger hat dieses Jahr seine fünfte reguläre Platte veröffentlicht und fernab von der Experimentierfreudigkeit von „The Singer“ widmet er sich jetzt ganz und gar den poppigen Melodien. Das muss nicht unbedingt schlecht sein und hat es ja auch auf den 10. Platz geschafft. Mit Texten immer zwischen Poesie und Banalitäten hat er es mir aber besonders mit All I Remember from Last Night und Never Leave LA aber angetan. Freight Train und das dazugehörende Video sagt wohl – im Guten wie im Schlechten – alles Nötige.

9. Figurines: Figurines (Playground Music/Morningside Records), VÖ: 27.09.2010

Während „Skeleton“ von 2005 wohl eine der besten dänischen Platten des Jahrzehnts war, schafft „Figuriens“ es immerhin in die Jahresliste. The Great Unknown ist Surfgitarre und Handclaps, New Colours erstaunlicher Pop mit leckeren Vokalharmonien. Das Radio dudelt den Opener Hanging From Above rauf und runter und da will ich dann mal – es war ja grad noch Weihnachten – gar nicht böse mit den Formatradios sein, sondern mitdudeln:

8. The Rumour Said Fire: The Arrogant (A:larm), VÖ: 18.10.2010

Hmmm, ein achter Platz… Nach der großen EP vom letzten Jahr hat The Balcony schon jetzt Klassikerstatus inne und in ein, zwei Generationen könnte es wie bei so vielen Songs aus den ´60ern und ´70ern vielleicht nicht mehr klar sein, wer eigentlich das Original geschrieben hat.
The Arrogant ist nett. Sentimental Falling gut, Sanctuary wirklich gut; aber wären da nicht die Lyrics von Jesper Lidang – die sich immer mit Extremsituationen beschäftigen – würde das alles wahrscheinlich wie ein Kartenhaus zusammenfallen: „And I heard request so I opend his chest with my bare hands / And I wore his broken body […] for ten years and twenty-seven days I wore his face and my heart went black“ (The Arrogant)

7. Chimes & Bells: Chimes & Bells (A:larm Music/Tigerspring), VÖ: 4.10.2010

Genau wie Rumour schafft die Band um Cæcilie Trier es nicht, die Erwartungen nach der EP vom Herbst 2009 100% zu erfüllen. Trotzdem ist ein rundum gutes Debüt gelungen, das sich stundenlang auf meinen Plattenteller gedreht hat. Live sind sie leider Nebelgroßverbraucher, wofür ich überhaupt keinen Grund finden kann, weil die Musik für sich selbst sprechen sollte.

6. The Tiny: Gravety & Garce (The Tiny Music/DetErMine Records), VÖ: 22.02.2010

Auf leisen Sohlen schleicht sich die Schweden von The Tiny als einzige Band, die nicht aus Dänemark kommt, in meine Top 10. Leicht, Fragil, sterbensschön und auf Last Weekend ein Cello, das mit Sängerin Ellekari Larsson um die Wette weint.

5. One-Eyed Mule: Drifting To A Happy Place (Artiscope), VÖ: 15.03.2010

Rasmus Dalls Maulesel hat mit dem dritten Longplayer die Wüste und ihren Rock verlassen und grast jetzt auf den fruchtbaren Wiesen und summt eine Art glücklichen Blues. Besonders der naive Titelsong und das schöne September Sigh („I’m told you’ll always keep me warm“) haben es mir angetan. Den Durchbruch haben One-Eyed Mule noch immer nicht geschafft und werden es wohl auch nicht mehr. Diese, wie auch die letzten beiden Platten, möchte ich aber jedem ans Herz legen.

4. Il Tempo Gigante: Lost Something Good (A:larm/Speed Of Sound), VÖ: 14.06.2010

Was soll ich noch über Rolf Hansen, den ich dieses Jahr wohl 7-8 Mal gesehen habe (auch schon zwei Mal an einem Abend), noch sagen? Ich würde ihn endlich gerne mal wieder mit einer kompletten Band sehen – das wünsche ich mir für 2011. Und ich kann es einfach nicht glauben, wie wenig sein Label aus dieser Veröffentlichung gemacht hat; es gab noch nicht einmal ein Releasekonzert. Shame on you! Und das gleiche geht raus an Rasmus Junge von Soundvenue, der Gewichtigkeit nicht mal erkennen würde, wenn sie ihm auf den Kopf fällt. Dieses Debüt hat das, was ihr so gerne als „internationale klasse“ bezeichnet.

3. Efterklang: Magic Chairs (A:larm Music/Rumraket), VÖ: 22.02.2010

Moderner geht Popmusik nicht. Unmittelbarer als die beiden Vorgänger „Tripper“ und „Parades“ und auch leichter zu verdauen, aber immer noch so verspielt, dass es eine Freude ist.

2. Treefight for Sunlight: A Collection Of Vibrations For Your Skull (Tambourhinoceros/Playground Music), VÖ: 14.10.2010

Im Herbst kamen die Treefighter wie aus dem Nichts und debütierten mit dieser etwas verspäteten Sommerplatte. The Universe is a Woman und Facing the Sun sind klar die besten Lieder und dann sind da ja noch What Became Of You And I und You And The New World und Time Stretcher. Es ist nicht mehr viel Luft nach oben und ich bin schon jetzt gespannt, wie sie A Collection noch toppen wollen. Ein Vertrag mit Bella Union, sichert jetzt erst einmal, dass die Platte in Europa, Asien und Australien erscheinen wird. Eine große dänische Band ist geboren und diesem Herbst und als sie als Vorgruppe mit Rumour tourten, haben sie diese mit Leichtigkeit in Grund und Boden gespielt.

1. Murder: Gospel of Man (Good Tape Records), VO: 11.10.2010

„I’m a picker of cotton / I am what’s left of the youth / I’m a lone soul forgotten / I am in search of the truth […] still just a singer of nonsense” (Picker of Cotton). So ganz glaube ich Jacob Bellens nicht, wenn er in Interviews sagt, er würde sich nicht viel um seine Texte kümmern. Eine tödliche Sonne scheint auf die postapokalyptische Welt von Murder. Die Schatten spenden keine Abkühlung. Seelen werden geerntet, kämpfe um die letzten Ressourcen ausgetragen, doch alle unsere Anstrengungen werden nicht vergebens gewesen sein, wenn wir uns an die Gesichter und wichtiger die Geschichten der Vergangenheit erinnern werden, wenn wir wissen, wie es zur Katastrophe kam, denn „These are days to remember / Seen with wide open eyes / Gently floating in formaldehyde […] Right as rain in the morning / Right as towers of song / Right as everything we thought was wrong“ (Aqueduct), „Help the dead / They´re cold in the ground / As their clothes start to wither […] Tell the dead / Not everything ends / With the ultimate breath“ (Help The Dead)

Lasst uns diese Lieder in den Kirchen singen! Dieses Album ist der Grund, weswegen ich Musik liebe und über Musik schreibe.

PS: Um mich doch noch an der zu oberst genannten Debatte zu beteiligen, gibts noch mal Lärm vom Roskilde Festival 2008:

Il Tempo Gigante: Lost Something Good (Speed of Sound/Alarm), VÖ: 14.7.2010 Lost Something Good - Il Tempo Gigante

Es ist noch kein Jahr her, da dachte ich, für immer etwas existenziell Wichtiges verloren zu haben. Jetzt Hat Rolf Hansen aka Il Tempo Gigante nach langer Wartezeit endlich den ersten Longplayer, „Lost Something Good“, auf den Markt geworfen.

Meine erste Roskilde-Regel ist ja, dass man nicht über Roskilde reden sollte, nicht über die Menschenmassen, nicht über die überfüllten Konzerte oder die Organisation, die von Jahr zu Jahr schlechter zu werden scheint, genau wie das Lineup im Übrigen; nicht über die immer gleichen Ideen der neuen Generationen und die-hier-ist-alles-erlaubt-Kidz. Die Langeweile. Die Sonntagsdepressionen. Der Urinstaub. Warum ich mir das dann doch immer wieder antue, sollte ich mich wirklich langsam mal fragen.

Vielleicht wegen den wenigen magischen Momenten, wie das Konzert von dem netten, weltkritischen Onkel Van Dyke Parks oder den Kings of Convenience, die es im grünen Zelt haben regnen lassen. Oder auch die großen Zufälle, die immer nur auf Festivals so passieren können. Die zerschlissene Gaffa, auf die ich mich setzen wollte, in der ich dann doch blätterte, war ein solcher. Worauf ich so lange Zeit gewartet, was ich nicht mehr erhofft, fast vergessen hatte, aber seit Februar wieder zum greifen nahe Realität wurde, ist eingetroffen: Il Tempo Gigante veröffentlichen endlich das langersehnte Debut.

Als das Lable Speed of Sound damals gegründet wurde, war Rolf Hansen Projekt eines der ersten, die gesignt wurden. Drei Jahre hat sich die Arbeit an der Platte „Lost Something Good“ hingezogen und letzte Woche fand sie dann endlich ihren Weg in meinen Postkasten und sie ist, ja, wohl eine meiner Lieblingsplatten dieses Jahr – das kann ich schon jetzt, bevor die Herbstreleases anstehen, mit Gewissheit sagen. Ein poetischer Singer/Songwriter-Karneval mit Cabaret und Varieté und filmischem Soundtrack und Schicht um Schicht angehäuften Klangspuren eröffnet sich beim ersten Hören.

Die Hälfte der 13 Lieder war, in etwas anderen Versionen, schon auf der EP, doch Your Father and I oder I´ll Let You Go sind einmalige Geschöpfe in der dänischen Musiklandschaft und die auf Papier etwas verlorenen Zeilen „I will call upon her soul / I will search her pockets for gold / … / Il will sneak up my hand under her skirt“ (Under Her Skirt) werden gesungen immer größer, nehmen Tempo auf, entkommen John Mayers weichgespültem „wonderland“ und Shakiras Belanglosigkeiten und ihrem „territory” und ihrer „endless story” mit Leichtigkeit und gehaltvoller Schwere.

„Lost Something Good“ hat so gut wie keine Durchhänger. Von dem ersten Lied Woven Wings an nimmt die LP Fahrt auf und fliegt und meistert Stürme und Schiffbrüche um nach 56 Minuten im verstörenden In The Still, das wie ein vergessener Track von “Kid A” klingt, zu landen. Diese Fahrt mit Il Tempo Gigante (benannt nach dem Stop/Motion-Film Bjergkøbing Grand Prix) war es wert, drei Jahre lang zu warten.

„I have finally found peace / Now that it´s done” (Finally Found).

Endlich unruhige Ruhe, endlich ist es geschafft und Il Tempo Gigante nicht zurück, sondern endlich da.