Mit ‘Jacob Bellens’ getaggte Artikel

Murder @ Vega, 29.08.2011
CODY @ Ofelia Beach, 2.09.2011

Zwei Abschiede standen an. Murder leiteten im Vega den Herbst ein und CODY versuchten den Sommer doch nochmal heraufzubeschwören. Beide Bands werden wir vermissen und müssen uns die Zeit wohl mit Soloprojekten vertreiben.

In zwei Tagen sollte es noch einen Nachschlag in Aarhus geben, aber das hier war die wirklich Abschiedsparty. „Als wir letztes Mal hier gespielt haben, begann gerade der Frühling. Jetzt ist es also Herbst – I guess we are that kind of band“, brachte Anders Mathiasen es gleich zu Beginn auf den Punkt. Nach 30 Konzerten in Dänemark und 35 Jobs im Ausland mit „Gospel of Man“ im Gepäck beendeten sie ein kleines dänisches Wunder mit einem großartigen Konzert – wiedermal großartig. Natürlich.
Während Mathiasen einfach nur sichtlich erfreut ist, ist Sänger Jacob Bellens für den Quatsch zuständig, erzählt Anekdoten und bekennt, dass er das Rauchen aufgegeben hat, von 40 auf 0: „Damals hat Anderes gesagt, man müsse rauchen, um Rock `n` Roll spielen zu können.“ Sie spielten nochmal anderthalb Stunden lang ihre feierlichen und ganz und gar unrocknrolligen Hymnen, die so gar nicht zu dem Spaß- und Quatschfeuerwerk passen, das sie zwischen den Liedern abfeuern.
Damn, sie werden vermisst in den nächsten Jahren, bis sie endlich wieder eine neue Platte aufnehmen werden. Bellens ist schon wieder mit I Got You On Tape oder als Alleinunterhalter unterwegs, Mathiasen hat – wohl um sich nicht zu langweilen – eine neue nette Band gegründet: Vessel. Die erste Platte „Enlettered Species“ soll irgendwann 2012 erscheinen.

CODY haben gerade die EP „Under The Pillow, Under The Elms” rausgebracht, die leider nicht ganz mit dem Debut oder dem Longplayer mithalten kann. Wahrscheinlich haben sie die gemacht, weil sie sich mit ihrem alten Material nach zwei Jahren langsam gelangweilt haben – und da waren sie ja nicht die einzigen. Und das gab Kaspar Kaae am Freitag bei strahlendem Sonnenschein auch mehr oder weniger unverblümt zu.
In der Innenstadt von Kopenhagen am Kanal ist eine Freiluftbühne aufgebaut, auf der es den Sommer über Gratiskonzerte gab und hier spielte die Band, die die dänische Americanawelle in Gang gebracht hat, ein letztes Konzert. Fünf neue Lieder taten überhaupt gar nicht Not, waren natürlich trotzdem gern gehört. Eine Zugabe noch, dann ging es ins Studio und hoffentlich gibt’s die nächste LP dann auch bald. Bis dahin kann man sich die Zeit mit Guitarist David Fjelstrups Zweitband From Sarah vertreiben, die gestern, am Montag, ihre EP „Notes“ rausgebracht haben – Review folgt.

Murder @ Nemoland, 30.05.2011

Murders Gospel of Man-Tour neigt sich dem Ende zu – nur noch 4 Konzerte und das war’s dann – und einmal noch geben Jacob Bellens und Anders Mathiasen ihr bestes, spielen in Christiania gegen die grauen Wolkeformationen an. Einmal noch zeigen die Chefmelancholiker, warum sie die wichtigste dänische Band der Gegenwart sind.

Bereits um sechs fangen Murder – wieder mit Begleitband – auf der Freilichtbühne vom Nemoland an. Viele Leute sind noch nicht da, aber die tropfen still und leise und langsam wie der Regen ein. Nach dem ersten Lied, Providence, streckt Bellens kurz die Hand aus, schaut prüfend in den Himmel: „Wir sind Murder, wir spielen ca. 50 Minuten und in einer Viertelstunde scheint die Sonne.“ Die Aussage ist zumindest etwas optimistischer als die, die er im März im Vega gemacht hat: „Der Frühling ist gekommen. Dann ist es ja bald schon wieder Winter.“ Die Sonne? Die kommt nicht raus. Will sie nicht. Ist müde und skandinavisch. Aber was macht das schon? Murders melancholischen Nummern passen zu einem wolkenverhangenen Abend. Grau in Grau und es tropft hin und wieder. Sie spielen heute bis auf Applejuice und Daughters of Heavy nur aktuelle Lieder – und alle, alle sind sie potentielle Klassiker, die für die Ewigkeit gemacht sein könnten.

Tja, alles muss ein Ende haben. Das sagen zumindest die Leute so. Aber warum denn unbedingt? Damit man mit etwas Neuem anfangen kann? Damit man sich auf etwas Neues freuen kann? Als „Gospel of Man“ im Oktober 2010 erschien, war es die erste Platte nach „Stockholm Syndrom“ von 2006 und erst die dritte überhaupt. Ich hoffe nicht, dass wir wieder so lange auf die nächsten Früchte der Zusammenarbeit von Jacob Bellens – der sich schon um den Herbstrelease von seiner anderen Band I Got You On Tape kümmert – und Anders Mathiasen – der sich bald wieder um seine Kinder kümmern kann – warten müssen. Und vor mir aus darf’s dann auch den ganzen Sommer über regnen.

Murder + Glass Arena @ Store Vega, 06.03.2011

Unlängst hat Dänemark die Nachricht erreicht, dass Hamlet vielleicht gar kein Däne war, sondern aus Irland kommt!!! Naja, ich denke, es kann wirklich gleichgültig sein, wo Shakespeare seine Inspiration herbekam, denn zum König von Dänemark sollte Murder gekrönt werden.

i’m a picker of cotton / i am what’s left of the youth / i’m a lone soul forgotten / i am in search of the truth // like a priest in a graveyard / that goes digging for gold / from a groove deep in my heart / comes a story untold

Zwei dicke Nightliner und ein riesen Truck für das Equipment sind vor dem Eingang von Vegas großem Konzertsaal geparkt und man darf sich schon fragen, was mit dem kleinen Peugeot passiert ist, mit dem Murder und Monkey Cup Dress im Herbst durch Dänemark gefahren sind. Der Fuhrpark gehört allerdings der schottischen Band Glasvegas, die kurzerhand vom großen ins kleine Vega verlegt wurde, um auf der großen Bühne Platz für Murder und ihre Vorband Glass Arena zu machen.

Glass Arena wärmen das Publikum eine gute halbe Stunde auf, bereiten es darauf vor, was der Abend noch bringen soll; Majke Voss Romme und Emilie Marie Kjær machen ihre Sache gut, viel besser als ihre Demos es haben vermuten lassen: „Wir zwei kleinen Mädchen im großen, großen Vega…“ Demütig und bescheiden nehmen sie das alles in sich auf und lassen dabei genug Platz, dass das Publikum sich auf den großen Namen später freuen kann.

Um zehn betreten der ewig tänzelnde Gitarrist Anders Mathiasen und Jacob Bellens, versteckt hinter einem dicken Bart und noch dickeren Brillengläsern, eingemümmelt in ein rotes Adidas Hoodie und Cap (ja, der Mann ist eigentlich Rapper und kann den kompletten Fresh Prince auswendig), die Bühne. Und sie spielen mit Providence gleich den ersten von vielen Höhepunkten.

Murders Hofstaat besteht diesen Abend aus Bassist Jonas Vestergaard und den beiden Slaraffenländern Christian Taagehøj (Gitarre) und Bjørn Heebøl am Schlagzeug, an dessen Energie ich mich bei Slaraffenland-Konzerten nicht satt sehen kann. Heute hält sich Heebøl aber wohltuend zurück und gibt Platz für die kleinen Armbewegungen und großen Songs, die nur von Bellens kurzen Statements unterbrochen werden: „Der Frühling ist gekommen. Dann ist es ja bald schon wieder Winter.“ ja, wir haben es nicht leicht hier oben in Kopenhagen.

Aber wir alle sind zum Frühlingsfest zu seinem Geburtstag am 11.4. eingeladen. Die Adresse? Wollten sie erst nicht rausrücken, machen es nach einem Lied von der trotz einigen Schwächen tollen ersten Platte „One Day From Now Its My Birthday“ aber dann doch… Und ich schreib hier mal besser nicht, wo das ist.

Überhaupt ist es trotzt des großen Andrangs ein familiärer Abend. Aus jeder Ecke und Kante der dänischen Musikszene sind welche da: von Murders kleinem Bruder CODY, von den Discoboys von Vinnie Who oder von den Synthirockern von Turboweekend. Alle sind wir da und feiern diese große, momentan vielleicht wichtigste Band im Land.

Das Konzert dauert nur eine gute Stunde, aber fast alle die melancholischen Meisterstücke von der neuen „Gospel of Man“ und dem zweiten Album „Stockholm Syndrom“ wurden gespielt.

Es wird teilweise behauptet, dass Hymns from Nineveh artverwandt mit Murder seien, doch textlich liegen Welten zwischen Bellens tiefgründigen Aphorismen und Jonas Petersens oberflächlichen Alltagsweisheiten. Auch wenn Bellens unlängst in einem Interview meinte, er spiele lediglich Sudoku mit Worten, kann sich jeder in seinen Texten finden, seine kalten Knochen an deren Feuer wärmen. Vielleicht kommen diese Worte auch aus dem nichts, oder aus der Erde, aus der Bellens sie mit mächtigem Stift zu Tage fördert: „As the words of potency / go on writing themselves / Angel eyes are greeting me / From their heaven hotels / I shall abide / And not give in“ (Providence). Doch dann wären wir wieder beim dem Begriff des Genies aus der Renaissance und Romantik und das wäre gleichbedeutend damit, dass Jacob Bellens nur vollendet, was die Natur selbst nicht – oder noch nicht – vollendet hat.

Dieser Sonntag Abend war vollendet. Eine Lehrstunde wie man ohne große Armbewegungen ein Publikum mitnehmen kann und wann immer, wo immer Jacob Bellens und sein kongenialer Partner Anders Mathiasen auftreten; jedem möchte ich empfehlen, einer dieser Messen beizuwohnen.

The Gun + Christian Hjem + Jacob Bellens + Il Tempo Gigante + Song For Wendy, Huset i Magstræde, 10.12.2010

Nye Rødder feierten Weihnachten mit einem auf Papier herausragendem Lineup, gratis Futjes und Punsch. Und natürlich wurde es ein sehr gemütlicher Abend, der aber auch ein oder zwei Durchhänger hatte.

Wenn um neun die Tür öffnet, dann gibt es einen Ansturm. Da musste man kein Prophet sein, um das vorauszusagen; sogar die Gratiszeitung Urban hatte für das Konzert geworben und Figurines (Christian Hjelm) und Murder (Jacob Bellens) gerade eh in aller Munde. Also wird das rituelle Cocktailtrinken nebenan im Cafe Katz abgekürzt und wir stehen viertel vor neun auf der Matte, in der Schlange. Wir kommen noch ohne weiteres rein und bekommen beste Sofaplätze; späterhin wird es allerdings eng.

Ich habe vor nicht einmal einer Woche gesagt, dass Song For Wendy “viel zu nett und ohne nennenswerte Friktion seien”; ohne Friktion sind sie noch immer, als sie den Abend eröffnen, und auch nett, aber hier, in diesem viel kleineren Umfeld ist es nett ohne das „viel zu“.

Dann kommt der unendlich oft erwähnte Rolf Hansen aka Il Tempo Gigante; doch worauf ich mich eigentlich gefreut hatte – ihn nach drei Jahren endlich wieder mit Band zu sehen – fällt ins Wasser. Eigentlich als Trio angekündigt, spielt er doch wieder nur ein Soloset mit Loopstation und massig Pedalen, worüber er sich noch immer freuen kann. Natürlich ist er wieder mal der Höhepunkt des Abends, besonders für alle, die bisher noch nicht das Vergnügen hatten.

Hoffentlich noch lange unter uns: Dänemarks größte Stimme.

Dann, kurz nach zwölf kommt Jacob Bellens. Vor kurzen habe ich mich noch mit jemandem darüber unterhalten, was passieren würde, wenn er stirbt (bei seinem Kaffee&Kippen-Konsum und seiner Statur durchaus vorstellbar). Ich denke, er würde eine Legende werden und so niemals wirklich sterben (pathetisch, ich weiß). Er hat die wahrscheinlich größte Stimme dieses Landes (gestern, am 15.12. zum Gaffa-Preis, war er als bester männlicher Künstler nominiert – gewonnen hat doch wieder Kashmir-Eistrup) und einer der wenigen, die von der Musik alleine leben (wenn wohl auch mehr schlecht als recht). Solo spielt er am Klavier wohl Lieder, die noch nicht ganz fertig sind, von denen er noch nicht weiß, ob er sie für Murder oder I Got You On Tape verwenden will. Er ist brillant PUNKT

Zu Christian Hjelms Soloauftritt sind alle – wohl inklusive ihm – schon viel zu müde. Und wie gut die neue Figurines-Platte auch ist, so langweilig wirkt er heute PUNKT

The Gun, die um halb zwei (!) auf die Bühne kommen, waren nicht angekündigt und wir hören uns zwei Lieder an und gehen dann auch; die Musik ist nett, der Sänger aber eigenartig eintönig – auf Myspace um Längen besser und auch hier setze ich einen PUNKT, sowohl für diesen guten Abend und dieses Post.

Frohe Weihnachten!