Mit ‘Hymns from Nineveh’ getaggte Artikel

With No Arms And Legs @ Ansgar Kirke, 6.09.2011

With No Arms And Legs haben mit 2 Gastmusikern und 13-köpfigem Chor in die Ansgar Kirche eingeladen. Nach guten 80 Minuten merkte man aber, dass da noch Luft nach oben ist, dass da noch etwas fehlt.

With No Arms Ans Legs sind, wie ja schon häufiger erwähnt, die direkten Nachfolger von Attrap. Während Jonas Hymns from Nineveh Petersen zum Kritikerdarling geworden ist, fühlte es sich für die verbliebenden drei Mitglieder so an, als wäre ein Bein oder ein Arm amputiert. Als im Juni dann das Debut der neuen Formation erschienen ist, bekam es eher mittelmäßige Reviews. Und es ist ja wahr: Was live zu dem Besten gehört, was Dänemark zu bieten hat, ist auf Platte eben etwas … mittelmäßig.

An diesem Dienstagabend spielen sie 15 Lieder, unter anderem ein majestätisch ruhiges Gentle Guy: Nur mit einer akustischen Gitarre schreiten Johan Ask Nielsen und Gertrud Hjelm Kongshøj einmal den Gang entlang, von der Bühne zu Kirchentür, und zurück. Bis zu diesem achten Lied ist auch alles soweit ok, haut einen – trotz der Riesenbesetzung – aber nicht vom Hocker. Es fehlt etwas. Irgendwie zündet diese eigentlich so fantastische Mischung aus „pseudoreggae Offbeat-Guitarren, Metalrefrains, schlechten Hip Hop-Beats und Disco zwischen Abba und Aqua und Acapella“ heute nicht. Die Ansagen zwischen den Liedern fehlen. Die Entertainmentqualitäten der Musik sind zwischen den Tönen nicht vorhanden. Desweitern ist die Kirche bestuhlt, was einen auch nicht gerade zum Tanzen animiert und deshalb ist es wohl umso wichtiger, das Publikum anders zu unterhalten. Erst nach dem 11. Lied, Uniforms mit Troels Damgaard Holm als Leadsänger, und als sie danach bemerken, dass sie es in der falschen Tonart gespielt haben, lockert sich die Atmosphäre. Und die letzten vier Songs lösen ein Versprechen ein, dass hier eine Band zugange ist, die Großes erreichen könnte: Gertuds Ballade Young Hearts über Teenagerliebe in der Provinz und zum Abschluss das großartige vom Chor getragene Salmen.

Aber es fehlt eben noch was. Es fehlt etwas, wie Blixa Bargeld es vor tausend Jahren und längst vergessen mal für das Tim Isfort Orchester formuliert hat. Es fehlt etwas, etwas Unbestimmtes. Es gibt dafür ein Wort, aber welches? Es sind hohe Erwartungen, die ich habe, Ansprüche, die ich an WNAAL stelle. Vielleicht können sie meine Wünschen auch nicht entsprechen, aber es scheint mir, als wären alle Zutaten dafür da. Und wenn Brian Wilson noch die letzten paar Jahre seines Lebens mit dem Versuch verbringt, die ultimative Teenager Sinfonie an Gott zu schreiben, und wenn Freddie Mercury von den Toten aufersteht und mit Queen noch einmal eine Bohemian Rhapsody aufnimmt, Johan Ask Nielsen, Troels Damgaard Holm, Gertrud Hjelm Kongshøj und Drummer Benny Fries Borgaa sind dann doch näher dran an diesem einen großen Lied, das alles andere in den Schatten stellt und wegbläst. Sie sind bald wieder im Studio und die Frage wird sein, wie sie ihren Livesound perfektionieren und auf Platte pressen können. Bis diese eine große Hymne kommt, bleiben sie für mich irgendwie unvollendet. Es fehlt etwas – und nicht Arme oder Beine, denn Jonas Petersen fehlt nicht, glaube ich.

With No Arms And Legs + Age of Giants + Hunch Bettors @ Loppen, 11.03.2011

Ich hätte vielleicht im Bett bleiben sollen. Jetzt bin ich krank und mein Telephon ist weg. Aber gelohnt hat es sich trotzdem, denn With No Arms And Legs sind alle Strapazen wert und ich verzeihe ihnen sogar das Prost!-Spiel.

Hunch Bettors kommen um kurz nach zehn auf die Bühne und hüllen das Loppen in ein weichen Klangteppich mit zwei Trompeten und Glockenspiel, doch dann macht Sänger Jeppe Ladegaard den Mund auf… erst kann man es vielleicht auf den Mann am Mischpult schieben, aber alles was bleibt, nachdem das Mic leiser gedreht und etwas Hall rausgenommen wurde, ist, dass der Sänger nicht singen kann. Das ist, angesichts des formidablen Sounds, den die Jungs ansonsten produzieren, eine Schande. Irgendwo vorne tanzt permanent eine nicht mehr ganz junge Frau, die bestimmt Maike heißt, Schleiertanz. Aber das trägt auch nur kurzweilig zur Erheiterung bei.

Die nächste Band – Age of Giants – versöhnen mich wieder mit diesem Abend. Der Vorsänger hat Frisur, Tamburin und ein Teil von Liams Attitüde von Oasis Reste Rampe erworben – halt all das, was Beady Eye nicht braucht. Nur Noel… den wollte keiner.
Kleine und verspielte Melodiekleinode, geschaffen um zu träumen: „If we could stay around and dream for while / That not only birds can fly / We raise above the sky / And fly away into the night“, singt er mit liamesker Schnotterigkeit. Nur das elektronische Keyboard geflicke wird ab und an etwas zu viel.

Keyboardlastig sind definitiv With No Arms And Legs, die um halb eins auftreten und eine gute Stunde lang alle zum tanzen bringen – nicht nur Maike mit den Schleiern. Die Band besteht aus Gertrud Hjelm Kongshøj, Johan Ask Nielsen, Troels Damgaard Holm und heute auch aus einem Bassisten, einem Schlagzeuger und einem dreiköpfigen Chor. Gertrud, Johan und Troels sind der Rest der fantastischen indiepoppern von Attrap, zu denen damals auch Jonas „Hymns from Nineveh“ Petersen gehörte. Während Petersen sich den ruhigen Tönen widmet, sind With No Arms die legitimen Nachfolger. Wild und manisch und irgendwie kommen sie mit allem durch: Egal ob pseudoreggae Offbeat-guitarren, Metalrefrains, schlechten Hip Hop-Beats und Disco zwischen Abba und Aqua und Acapella von sechs Leuten. Leidenschaftlich und voller Schweiß. Man kann sich auf die Platte freuen, wenn sie jetzt endlich mal raus kommt; ich hab seit fast einem Jahr eine unmasterierte CD bei mir im Schrank, die mir Johan damals zum Start! in die Hand gedrückt hat. Und die ist leider nur vereinzelt hörenswert.

Ach ja, wenn jemand mein LG-Handy finden sollte, bitte unter lostinkbh @ gmail.com kontakten. Ich bin krank und gehöre ins Bett.

Murder + Glass Arena @ Store Vega, 06.03.2011

Unlängst hat Dänemark die Nachricht erreicht, dass Hamlet vielleicht gar kein Däne war, sondern aus Irland kommt!!! Naja, ich denke, es kann wirklich gleichgültig sein, wo Shakespeare seine Inspiration herbekam, denn zum König von Dänemark sollte Murder gekrönt werden.

i’m a picker of cotton / i am what’s left of the youth / i’m a lone soul forgotten / i am in search of the truth // like a priest in a graveyard / that goes digging for gold / from a groove deep in my heart / comes a story untold

Zwei dicke Nightliner und ein riesen Truck für das Equipment sind vor dem Eingang von Vegas großem Konzertsaal geparkt und man darf sich schon fragen, was mit dem kleinen Peugeot passiert ist, mit dem Murder und Monkey Cup Dress im Herbst durch Dänemark gefahren sind. Der Fuhrpark gehört allerdings der schottischen Band Glasvegas, die kurzerhand vom großen ins kleine Vega verlegt wurde, um auf der großen Bühne Platz für Murder und ihre Vorband Glass Arena zu machen.

Glass Arena wärmen das Publikum eine gute halbe Stunde auf, bereiten es darauf vor, was der Abend noch bringen soll; Majke Voss Romme und Emilie Marie Kjær machen ihre Sache gut, viel besser als ihre Demos es haben vermuten lassen: „Wir zwei kleinen Mädchen im großen, großen Vega…“ Demütig und bescheiden nehmen sie das alles in sich auf und lassen dabei genug Platz, dass das Publikum sich auf den großen Namen später freuen kann.

Um zehn betreten der ewig tänzelnde Gitarrist Anders Mathiasen und Jacob Bellens, versteckt hinter einem dicken Bart und noch dickeren Brillengläsern, eingemümmelt in ein rotes Adidas Hoodie und Cap (ja, der Mann ist eigentlich Rapper und kann den kompletten Fresh Prince auswendig), die Bühne. Und sie spielen mit Providence gleich den ersten von vielen Höhepunkten.

Murders Hofstaat besteht diesen Abend aus Bassist Jonas Vestergaard und den beiden Slaraffenländern Christian Taagehøj (Gitarre) und Bjørn Heebøl am Schlagzeug, an dessen Energie ich mich bei Slaraffenland-Konzerten nicht satt sehen kann. Heute hält sich Heebøl aber wohltuend zurück und gibt Platz für die kleinen Armbewegungen und großen Songs, die nur von Bellens kurzen Statements unterbrochen werden: „Der Frühling ist gekommen. Dann ist es ja bald schon wieder Winter.“ ja, wir haben es nicht leicht hier oben in Kopenhagen.

Aber wir alle sind zum Frühlingsfest zu seinem Geburtstag am 11.4. eingeladen. Die Adresse? Wollten sie erst nicht rausrücken, machen es nach einem Lied von der trotz einigen Schwächen tollen ersten Platte „One Day From Now Its My Birthday“ aber dann doch… Und ich schreib hier mal besser nicht, wo das ist.

Überhaupt ist es trotzt des großen Andrangs ein familiärer Abend. Aus jeder Ecke und Kante der dänischen Musikszene sind welche da: von Murders kleinem Bruder CODY, von den Discoboys von Vinnie Who oder von den Synthirockern von Turboweekend. Alle sind wir da und feiern diese große, momentan vielleicht wichtigste Band im Land.

Das Konzert dauert nur eine gute Stunde, aber fast alle die melancholischen Meisterstücke von der neuen „Gospel of Man“ und dem zweiten Album „Stockholm Syndrom“ wurden gespielt.

Es wird teilweise behauptet, dass Hymns from Nineveh artverwandt mit Murder seien, doch textlich liegen Welten zwischen Bellens tiefgründigen Aphorismen und Jonas Petersens oberflächlichen Alltagsweisheiten. Auch wenn Bellens unlängst in einem Interview meinte, er spiele lediglich Sudoku mit Worten, kann sich jeder in seinen Texten finden, seine kalten Knochen an deren Feuer wärmen. Vielleicht kommen diese Worte auch aus dem nichts, oder aus der Erde, aus der Bellens sie mit mächtigem Stift zu Tage fördert: „As the words of potency / go on writing themselves / Angel eyes are greeting me / From their heaven hotels / I shall abide / And not give in“ (Providence). Doch dann wären wir wieder beim dem Begriff des Genies aus der Renaissance und Romantik und das wäre gleichbedeutend damit, dass Jacob Bellens nur vollendet, was die Natur selbst nicht – oder noch nicht – vollendet hat.

Dieser Sonntag Abend war vollendet. Eine Lehrstunde wie man ohne große Armbewegungen ein Publikum mitnehmen kann und wann immer, wo immer Jacob Bellens und sein kongenialer Partner Anders Mathiasen auftreten; jedem möchte ich empfehlen, einer dieser Messen beizuwohnen.

Gestern am 21. Februar hat Jonas Petersen sein Solodebüt Hymns from Nineveh veröffentlicht und vor einigen Tagen habe ich ja meine Tipps abgegeben, wie die dänische Musikpresse darauf reagieren wird. Wenig überraschend sind die meisten meiner Vorhersagen eingetroffen.

Jonas Petersen findet die Kritiken an seiner Platte bestimmt gut.

Den Reviewreigen wurde bereits am 7. Februar von Kim Robin Graahede in der Zeitung Aarhus Stiftstidende eingeleitet. Die Platte hat 6 von 6 Punkten abgesahnt und darüber hinaus gabs noch diese netten Worte: „Es ist erst Februar, doch es zeigt sich bereits, dass wir es hier mit einer der besten Platten des Jahres zu tun haben.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals eine ähnliche Aussage gemacht habe, aber wenn, dann bestimmt nicht schon am 38. Tag des Jahres; ein Heiermann ins Phrasenschwein, Kim. Danke.

Frederik Frimann Nielsen von dem Musikmagazin Soundvenue gibt Hymns am 18. Februar 4 von 6 Sternen: „Jonas Petersen schreibt gute Lieder. Kurz und bündig. Doch mit einigen Schönheitsflecken unterwegs, speziell in der akustischen Regie […] Doch ändert das nichts daran, dass uns eine freudige Nachricht überbracht wurde. Halleluja!“
Die leichte Kritik ist meiner Meinung nach angebracht, doch wieso gerade in der „akustischen Regie“? Wenn etwas an Hymns from Nineveh zu loben wäre, dann ist es die Produktion, die den meisten anderen Folkplatten in diesem Land meilenweit voraus ist.

So schreibt auch Ole Rosenstand Svidt, einer der wenigen festen angestellten bei Gaffa, mit über 25 Jahren wohl eine der ältesten Musikzeitschriften in DK, dass „das Album äußerst gut arrangiert und produziert ist“ und vergibt ganz unkritische 5 von 6 Sternen.

Dass die gratis Zeitung Urban, die man fünf Minuten in der Metro liest, unkritisch ist… geschenkt: „Das Risiko, in Schlagseite zu geraten und von religiöser Überladung, ist niemals real, dafür sind die Lieder ganz einfach zu stark.“ Ja, Emil Møller Svendsen, die Platte geht keinerlei Risiko ein und dafür gibt es dann auch von dir 5 von 6 Sternen?

Lars Asmussen von von Diskant.dk gibt 9 von 10 möglichen Punkten, denkt an Sufjan Stevens, der „wie Jonas Petersen keine Angst davor hat, sich vom Rest abzuheben“, etwas anders zu machen, als andere.

Und genau wie Diskant.dk ist auch das Internetmagazin Undertoner.dk dafür bekannt, sich über längere Zeit und längere Texte mit einem Album auseinanderzusetzen. Und in den Worten von Anna Møller kann ich meine Meinung durchaus wiederfinden: „So gesehen sind die Stärken bei Hymns from Nineveh die selben wie die Schwächen: die melodisch und produktionstechnisch aufbauenden Elemente in der Musik; der Hörer fühlt sich gut und gleitet unbeschwert durch die weiche Klangharmonie […] das kann auf Dauer zu viel werden.“ Das Adjektiv, dass sie braucht, um die Platte zu beschreiben, ist „schön“. Doch um wirklich schön zu sein, braucht eine Platte Ecken und Kanten, findet Anna Møller und gibt aber trotzdem noch 4,5 von 6 möglichen Punkten.

Am Samstag brachte die Tageszeitung Politiken eine längere Story über Hymns. Ich habe mit Kritiker Kim Skotte und 6 von 6 punkten gerechnet, aber rezensiert wurde das Album von Simon Lund, der 4 Punkte gab und fast poetisch wurde: „Auf Dauer kann man etwas Unruhe in der Produktion vermissen […] unter dieser heiligen Kuppel dieser himmlisch schönen Lieder. Den talentierten ‘Wohlliedern’ fehlt musikalische Dunkelheit und Kontraste, wie man das bei den artverwandten Melancholikern von Murder findet“

Was bleibt ist, dass ich mit meinen Prognosen fast durchgehend richtig lag, was seltsamerweise nicht damit zu tun hat, dass die Musikkritiker wohlbekannt sind; im Gegenteil liegt das Problem in der dänischen Musikpresse. Die meisten Magazine haben fast zu viele verschiedene Rezensenten, die nicht besonders viel für ihre Arbeit bekommen, es meistens gratis und nur für ein Exemplar der Platte machen. So kann man als Konsument kein Vertrauen in einen Kritiker und seine Meinung aufbauen, wie es in deutschen Medien durchaus möglich ist (Ich gebe zu, dass es längere Zeit her ist, dass ich den Rolling Stone oder Visions gelesen habe).

Kristian Leth bekommt auch gute kritiken, findet sie aber schlecht geschrieben.

Es gab vor nicht allzu langer Zeit eine hitzige Debatte über einen Eintrag, den Kristian Leht, Frontmann von The William Blakes, auf seinem Blog gepostet hat. Hier wird unter Anderem die Schablone kritisiert, die wieder und wieder von der Musikkritik angewendet zu werden scheint. Außerdem wird Musik, Leth zu folge, nur noch in den Kategorien gut/schlecht bewertet, was die Kritik zu Konsumguides und Verbraucherinformation verkommen lässt und das Subjekt der Kritik, die Musik, letztendlich nicht mehr ernst nimmt. Der verantwortliche Redakteur von Gaffa, Peter Ramsdal, hatte dazu folgendes mitzuteilen: „Es kann gut sein, dass Kristian Leth und andere intellektuelle Typen [sic!] sich eine ausführlichere Beschreibung wünschen und eine qualifiziertere [sic!] Kritik, doch das wollen die normalen [sic!] Leser nicht.“

Gaffa-User Simon Lack schreibt dazu in einem Kommentar im Gaffa Artikel: „Um es zusammenzufassen: Gaffa-Leser sind unintelligent.“

Na, wieder was gelernt und jetzt bereite ich meine Livekritik von Hymns from Nineveh für meine Radioshow vor.

Hymns From Nineveh: Hymns from Nineveh (Good Tape Records), VÖ: 21.02.2011 Hymns from Nineveh (Bonus Track Edit) - Hymns from Nineveh

Jonas H. Petersen hat unter seinem Alias Hymns from Nineveh wahrscheinlich genau das Album gemacht, das er machen wollte – ohne Eingeständnisse oder Kompromisse. Das verdient Respekt; doch nachdem das gesagt wurde, muss ich leider auch verkünden, dass das selbstbetitelte Debüt eine relativ langweilige Angelegenheit ist.

Jonas Peteresen hat eine Vorgeschichte in der Band Attrap, die sich 2009 noch vor Veröffentlichung ihres ersten Albums „Happitalism“ auflösten. Von der anarchistischen Leichtigkeit der Indiepop-Gaukler ist auf Petersens Solodebüt nicht mehr viel zu finden. Das Album ist unglaublich selbstbewusst produziert: Streicher, Bläser und Flöten zieren ein wirklich schönes Klanguniversum, doch macht sich nach dem dritten, vierten Mal Hören Langeweile breit. Attraps Verspieltheit gibt es nur noch ansatzweise wie z.B. bei den „weird sounds“ im Hintergrund von Daughter of Zion, die laut Credits im Altenheim aufgenommen wurden.

Petersen ist wiedergeborener Christ. Das steht in seiner Biografie, im Pressematerial, das erzählt er eigentlich ständig. Hymns soll nicht nur durch die regulären Kanäle sondern auch über christliche Zeitungen, Magazine, Radiostationen usw. vermarktet werden – so will es wohl die Plattenfirma. Die christlichen Referenzen in den Texten lassen leider zu wünschen übrig, sind oft nur oberflächlich: Hier und da werden Bibelpassagen eingebaut, biblische Persönlichkeiten aufgeführt, doch wirkt es recht unreflektiert auf mich; nicht dass es theologisch zugehen soll, doch etwas mehr Inhalt hätte ich mir schon gewünscht. Aneinandergereihte Zeilen wie „We will join the great parade / And we’ll sing / Hallelujah to the King“ (Selma), „The Kingdom is to come!“ (Sister Sorrowsong) oder „And sing new songs together / For our Lord“ (Drink Deep From the Well) reichen einfach nicht.

Wie schon oben erwähnt, ist das Album reich instrumentiert, doch wirkt alles all zu oft wie unnötiger Ballast, der über eine gewisse Einseitigkeit hinwegtäuscht. Es gibt durchaus schöne Momente, wie die Posaunen am Ende von dem ansonsten nur vom Piano untermalten Rage.Silence.Love, die die Zeilen „Darkblue skies / Can swallow a man completly“ wunderbar tragen. Das cheasy Hymn For the Lover gefällt mir in seiner Kitschigkeit noch am besten; vielleicht weil auch der Text nicht vorgibt mehr zu sein, als er eigentlich ist: „Trough fire / Trough water / Through Death do us / Death do us part!“. Schließlich muss sich nicht jedes Liebeslied an Gott richten (Das tut es wahrscheinlich doch und ich hab es nur nicht begriffen).

Liest man vom biblischen Ninive, der verwüsteten Stadt, dann herrschte hier die Hölle: „Mengen Erschlagener und Haufen von Toten und Leichen ohne Ende; man strauchelt über ihre Leichen!” (Nahum 3, 3). Die Hymnen aus Ninive, die Jonas Petersen singt, berichten nichts davon, sind zu nett und schön und schlussendlich belanglos.

Die dänische Musikkritik wird das Album von Hymns From Nineveh lieben und ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und mache übermütig die Voraussage, dass es Sterne regnen wird:

Politiken 6/6
Gaffa 5/6
Soundvenue 5/6
Undertoner 4/6
Diskant 8/10

Nichts neues von Kaspar Kaae

Veröffentlicht: 28/07/2010 in Konzertkritik
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CODY + Hymns from Nineveh, Nemoland, 18.07.2010

Und wieder überzeugen CODY und frontmann Kaspar Kaae mit einer makellosen Show, werden aber auch von mal zu mal langweiliger und berechenbarer. Ich warte auf neue Material

Viele warme Sommernächte wird es dieses Jahr nicht mehr geben; Kopenhagen hat sich dieses Mal ja auch nicht lumpen lassen. Mit dieser Gewissheit schleppe ich meinen noch immer müden Knochen an einem Sonntagabend nach Christiania zum ersten Post-Roskilde-Konzert 2010. Im Nemoland spielen umsonst und draußen die schon oft erwähnten CODY und die schon mal erwähnten Hymns from Nineveh.

Hymns from Nineveh

Es ist voll, fast unerträglich voll, aber die Stimmung ist gut und der Himmel blau und die Vögel singen und was will man denn eigentlich mehr Mitte Juli? Die Hymns gehen um 7 auf die Bühne Jonas Petersen lässt sich von 3 Mitmusikern unterstützen und es gibt ein Sammelsurium an Instrumenten inklusive Säge, Akkordeon und Glockenspiel. Der Christenfolk, den der ex-Attrapsänger spielt, ist nicht mehr so langweilig und nichtssagend, wie noch vor einem Jahr, als ich ihn solo in einer Kirche hab spielen sehen, aber wirklich herausragend ist das alles nicht, finde ich und findet aber wohl das Publikum doch… oder ist es die gute Sommersonnenlaune?

Im Übrigen – und irgendwann muss man das ja mal sagen dürfen – hasse ich das zu-Prost-Spiel: Der Künstler nimmt ein Schluck Bier, schaut dann, als habe er etwas vergessen, ins Publikum und prostet ihm zu; das Publikum prostet zurück. Und das machen so gut, wie alle, so gut wie immer. Ich glaube, sie glauben, das sei Höflichkeit.

Eigentlich ist bei den Hymns alles zum Fest gedeckt, aber der göttliche Funken springt im Laufe der halben Stunde, die sie spielen, nicht wirklich über und ich verbleibe gespannt (wenigsten etwas) wartend auf die erste LP – zumindest die 15 Minuten bis CODY kommt.

Oh hab ich schon erzählt (also mir selbst und den zweihändevoll Lesern), dass die Kulisse für die Künstler großartig gewesen sein muss:

Gutes Wetter, Gute Aussicht

CODY ist wie immer großes Kino. Wie ein Wohnzimmer voller Sonnenschein. Ein perfektes und charmantes Konzert. Gitarrist David Fjelstrup trägt mit seiner Unfähigkeit, seine Gitarre neu zu bespannen, sie zu stimmen, oder seinen Verstärker zum Laufen zu bekommen zur Belustigung bei. Seine konstante Sonnenbrille verrät, dass wir auf Christiania sind.

Blowaway ist wundervoll, Another Year überwältigend. Als Zugabe, wie eigentlich immer, “Comfort and Rage”. Aber irgendwie wird es auch langweilig. Ein knappes Jahr nach der Debut-LP, fast 20 Monate nach der ersten EP, spielen CODY noch immer die gleichen Lieder; selbst die Setliste scheint berechenbar.

Also warte ich auf die neue LP – wohl länger als 15 Minuten.