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Nach dem 45 minütigen Film „An Island“ spielen Let Me Play Your Guitar eine kurzes aber gutes halbakustisches Set für uns, die wir Musik lieben und für die, die nach The Human League noch kurz ein Bier trinken wollten, bevor sie nach Hause zu den Kindern mussten.
Auf „An Island“ von dem französischen Instrukteur Vincent Moon hatte ich ja bereits hingewiesen. Für vier Tage gingen die vier jungen Männer von Efterklang samt kompletter Liveband nach Hause auf die Insel Als und ließen sich da von Vincent Moon filmen, während sie die Klangwelten ihrer Heimat, sowie ihre Vergangenheit erforschten. Ab und an werden Kommentare aus dem Off geflüstert, wie sie sich das erste Mal begegnet sind, auf dem Weg zur Schule, irgendwo heimlich rauchend, im Kindergarten auf dem Dreirad. Währenddessen sehen wir sie auf der Ladefläche eines Autos singen und musizieren. Wir sehen sie in einer alten Scheune, wo sie die verschiedensten Klangmöglichkeiten ausprobieren. In einer schönen Szene sehen wir Casper Clausen, der mit seinem Transistorradio einsam durch den Wald spaziert, in den verworrenen Kurzwellen von Als einen Klassiksender entdeckt und sich – wenn auch etwas theatralisch – der Musik hingibt.
Wir sehen leider auch viel Langeweile in diesen 45 Minuten auf Als und leider nur vier komplette Lieder, die vollends aufgeführt werden. Der Höhepunkt, wie sich das gehört, ganz zum Schluss: I Was Playing Drums in der Aula des alten Gymnasiums, wo die Local Heroes von einem mehr als hundertköpfigen Chor unterstützt werden.
Ansonsten, wie gesagt, viel Langeweile aber auch viele Schöne Bilder. Auch und besonders die Lichter der vorbeifahrenden Autos, die durch die großzügigen Fenster der Ideal Bar Schatten auf die Filmleinwand warfen, gehörten dazu, wie auch das mucksmäuschenstille Publikum.
Dann betraten die Jungs von Let Me Play Your Guitar die Szene und ihr Motto „It’s quiet in the room / It’s quiet in the room / It’s quiet in the room“ (The Room) von ihrer ersten EP wurde von den aufgeputschten Midlifekriseler, die von The Human League aus dem großen Vega runter in die Ideal Bar gekommen waren, fast ins Lächerliche gezogen. Warum Menschen nicht mal eine halbe Stunde den Sabbel halten können ist mir echt ein Rätsel. Dickbäuchig haben die Männer 350,- Kronen bezahlt, noch mal soviel für ihre blonde 45-jährige Begleitung, die kein Jahr jünger aussieht aber einen auf 25 macht hinter ihrer Mauer aus Schminke und Vorstadtlangeweile; während der Vorband haben sie sich wahrscheinlich trinkwütig und laut unterhalten und dann mit ihrem „Schatzi“ zwei Stunden gewartet, bis endlich die Zugabe kam: Why Don’t You Want Me, um dann ihrem „Schatzi“ tief in die Augen zu blicken und tiefseufzend zu sagen: „Unser Lied!“
LMPYG waren aber gut. Halbe Stunde. Sechs Lieder. Nach ihrem letztjährigen Hilferuf, haben sie jetzt in Speed Of Sound/Alarm auch ein Label gefunden und so lässt die erste LP hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten.
Gerade wird der Efterklang Film ”An Island” von independent Regisseur Vincent Moon überall auf der Welt gezeigt. Zwar habe ich schon vor anderthalb Jahren darauf hingewiesen, möchte es aber nochmals machen: Im Mai 2009 hat Vincent Moon den Film „Temporary Slaraffenland“ gemacht. Hier begibt er sich mit Slaraffenland auf einen Eintages-Trip durch Kopenhagen, während die Band „We´re On Your Side“ komplett durchspielt. Das Ergebnis gibt es hier.
Eigentlich schon traurig. Da bekommt ne Band dann ihr erstes Musikvideo und was rauskommt, sieht so aus:
Sollte irgendeine Idee hinter diesem Video stehen, dann begreife ich sie beim allerbesten Willen nicht. Und es muss je gar nicht immer eine Story sein, aber irgendeine Idee. Nicht einfach nur n Typ von der Band, der die Augen geschlossen hat, anscheinend davon träumt, Fahrrad zu fahren, hinzufallen um dann weiterzufahren, durch n Wald mit Lichtern. Dann ist er irgendwann wieder bei der Band. Die guckt skeptisch auf ihn. Hat sie auch zu Anfang gemacht. DAS IST KEINE IDEE!
Oder wenigstens ästhetisch irgendwie ansprechend. Dabei hat der Videomann Rasmus Bro auch schon besseres abgeliefert – Zwar auch nur Zeitrafferaufnahmen von Kopenhagen, aber immerhin irgendwie nett:
Nett, oder? Aber ganz ehrlich: Das Video zu Passion ist keine Idee! MTV würde sich im Grabe umdrehen.
Dass Rock tot sein soll, wurde die letzte Woche ja ausgiebig in der englischen Presse behauptet. Nicht tot ist auf jeden fall dieser Blog. Aufgewacht aus dem Winterschlaf ist es an der Zeit, auf das Jahr 2010 zurückzublicken. Nachdem die gesamte Welt ja schon ihre Top 10 für 2010 veröffentlicht hat, soll meine natürlich nicht fehlen.
10. Teitur: Let The Dog Drive Home (Playground Music/Arlo And Betty), VÖ 4.10.2010
Unser liebster Färinger hat dieses Jahr seine fünfte reguläre Platte veröffentlicht und fernab von der Experimentierfreudigkeit von „The Singer“ widmet er sich jetzt ganz und gar den poppigen Melodien. Das muss nicht unbedingt schlecht sein und hat es ja auch auf den 10. Platz geschafft. Mit Texten immer zwischen Poesie und Banalitäten hat er es mir aber besonders mit All I Remember from Last Night und Never Leave LA aber angetan. Freight Train und das dazugehörende Video sagt wohl – im Guten wie im Schlechten – alles Nötige.
Während „Skeleton“ von 2005 wohl eine der besten dänischen Platten des Jahrzehnts war, schafft „Figuriens“ es immerhin in die Jahresliste. The Great Unknown ist Surfgitarre und Handclaps, New Colours erstaunlicher Pop mit leckeren Vokalharmonien. Das Radio dudelt den Opener Hanging From Above rauf und runter und da will ich dann mal – es war ja grad noch Weihnachten – gar nicht böse mit den Formatradios sein, sondern mitdudeln:
8. The Rumour Said Fire: The Arrogant (A:larm), VÖ: 18.10.2010
Hmmm, ein achter Platz… Nach der großen EP vom letzten Jahr hat The Balcony schon jetzt Klassikerstatus inne und in ein, zwei Generationen könnte es wie bei so vielen Songs aus den ´60ern und ´70ern vielleicht nicht mehr klar sein, wer eigentlich das Original geschrieben hat. The Arrogant ist nett. Sentimental Falling gut, Sanctuary wirklich gut; aber wären da nicht die Lyrics von Jesper Lidang – die sich immer mit Extremsituationen beschäftigen – würde das alles wahrscheinlich wie ein Kartenhaus zusammenfallen: „And I heard request so I opend his chest with my bare hands / And I wore his broken body […] for ten years and twenty-seven days I wore his face and my heart went black“ (The Arrogant)
Genau wie Rumour schafft die Band um Cæcilie Trier es nicht, die Erwartungen nach der EP vom Herbst 2009 100% zu erfüllen. Trotzdem ist ein rundum gutes Debüt gelungen, das sich stundenlang auf meinen Plattenteller gedreht hat. Live sind sie leider Nebelgroßverbraucher, wofür ich überhaupt keinen Grund finden kann, weil die Musik für sich selbst sprechen sollte.
6. The Tiny: Gravety & Garce (The Tiny Music/DetErMine Records), VÖ: 22.02.2010
Auf leisen Sohlen schleicht sich die Schweden von The Tiny als einzige Band, die nicht aus Dänemark kommt, in meine Top 10. Leicht, Fragil, sterbensschön und auf Last Weekend ein Cello, das mit Sängerin Ellekari Larsson um die Wette weint.
5. One-Eyed Mule: Drifting To A Happy Place (Artiscope), VÖ: 15.03.2010
Rasmus Dalls Maulesel hat mit dem dritten Longplayer die Wüste und ihren Rock verlassen und grast jetzt auf den fruchtbaren Wiesen und summt eine Art glücklichen Blues. Besonders der naive Titelsong und das schöne September Sigh („I’m told you’ll always keep me warm“) haben es mir angetan. Den Durchbruch haben One-Eyed Mule noch immer nicht geschafft und werden es wohl auch nicht mehr. Diese, wie auch die letzten beiden Platten, möchte ich aber jedem ans Herz legen.
4. Il Tempo Gigante: Lost Something Good (A:larm/Speed Of Sound), VÖ: 14.06.2010
Was soll ich noch über Rolf Hansen, den ich dieses Jahr wohl 7-8 Mal gesehen habe (auch schon zwei Mal an einem Abend), noch sagen? Ich würde ihn endlich gerne mal wieder mit einer kompletten Band sehen – das wünsche ich mir für 2011. Und ich kann es einfach nicht glauben, wie wenig sein Label aus dieser Veröffentlichung gemacht hat; es gab noch nicht einmal ein Releasekonzert. Shame on you! Und das gleiche geht raus an Rasmus Junge von Soundvenue, der Gewichtigkeit nicht mal erkennen würde, wenn sie ihm auf den Kopf fällt. Dieses Debüt hat das, was ihr so gerne als „internationale klasse“ bezeichnet.
Moderner geht Popmusik nicht. Unmittelbarer als die beiden Vorgänger „Tripper“ und „Parades“ und auch leichter zu verdauen, aber immer noch so verspielt, dass es eine Freude ist.
Im Herbst kamen die Treefighter wie aus dem Nichts und debütierten mit dieser etwas verspäteten Sommerplatte. The Universe is a Woman und Facing the Sun sind klar die besten Lieder und dann sind da ja noch What Became Of You And I und You And The New World und Time Stretcher. Es ist nicht mehr viel Luft nach oben und ich bin schon jetzt gespannt, wie sie A Collection noch toppen wollen. Ein Vertrag mit Bella Union, sichert jetzt erst einmal, dass die Platte in Europa, Asien und Australien erscheinen wird. Eine große dänische Band ist geboren und diesem Herbst und als sie als Vorgruppe mit Rumour tourten, haben sie diese mit Leichtigkeit in Grund und Boden gespielt.
1. Murder: Gospel of Man (Good Tape Records), VO: 11.10.2010
„I’m a picker of cotton / I am what’s left of the youth / I’m a lone soul forgotten / I am in search of the truth […] still just a singer of nonsense” (Picker of Cotton). So ganz glaube ich Jacob Bellens nicht, wenn er in Interviews sagt, er würde sich nicht viel um seine Texte kümmern. Eine tödliche Sonne scheint auf die postapokalyptische Welt von Murder. Die Schatten spenden keine Abkühlung. Seelen werden geerntet, kämpfe um die letzten Ressourcen ausgetragen, doch alle unsere Anstrengungen werden nicht vergebens gewesen sein, wenn wir uns an die Gesichter und wichtiger die Geschichten der Vergangenheit erinnern werden, wenn wir wissen, wie es zur Katastrophe kam, denn „These are days to remember / Seen with wide open eyes / Gently floating in formaldehyde […] Right as rain in the morning / Right as towers of song / Right as everything we thought was wrong“ (Aqueduct), „Help the dead / They´re cold in the ground / As their clothes start to wither […] Tell the dead / Not everything ends / With the ultimate breath“ (Help The Dead)
Lasst uns diese Lieder in den Kirchen singen! Dieses Album ist der Grund, weswegen ich Musik liebe und über Musik schreibe.
PS: Um mich doch noch an der zu oberst genannten Debatte zu beteiligen, gibts noch mal Lärm vom Roskilde Festival 2008:
Gerade aus Barcelona wiedergekommen. Take a Holiday in Spain und weil es ja auf diesem skandinavischen Blog sonst nicht viele Chance gibt, diesen Song mal zu posten, kommt er hier:
In Barcelona gabs doch auch glatt ein Konzert der Hidden Cameras, an das ich mich aber, dank eines Spaniers, der mich, auf Deutsch krakeelend, mit einer Flasche Schnaps und einer Flasche Limo abgefüllt hat, nur noch bruchstückartig erinnern kann. Aber der Frühling in KBH gibt mir jetzt eine zweite Chance: Am 20/4 im Vega mit Men Among Animals als Vorgruppe. Deren neue Platte Run Ego werde ich hier wohl demnächst reviewen.
Außerdem wird Huset i Magstræde 40 Jahre alt. Am 16/4 spielen unter anderen
21.15 – 21.35: Mads Beldring
21.40 – 22.00: Rolf Hansen
22.05 – 22.25: Erwin Thomas
22.30 – 22.50: Maria Viskonti
22.50 – 23.10: Pause
23.15 – 23.45: Per Kristensen/Maria
Und vom 16/4-18/4 steht das Popfest im Råhuset an. Es wird ein großer April. Hoffe nur, ich habe genug Zeit, Geld und ausreichend Sonne im Herzen.
16/4 The Notwist – Vega
16/4-17/4 Huset wird 40! – Huset i Magstræde
16/4-18/4 Copenhagen Popfest – Råhuset
17/4 Efterklang – Vega
17/4 Shout Wellington Air Force – Din Nye Ven
18/4 Band of Horses – Vega
19/4 Emanuel and The Fear – Loppen
19/4 Noah and the Whale – Vega
20/4 Hidden Cameras (Support Men Among Animals) – Vega
21/4 The Foreign Resort – Huset i Magstræde
26/4 Grant-Lee Phillips – Vega
28/4 Club Shhhh: Betting on the Mouse und August and the Red Apples
30/4 August Rosenbaum-Releasefest mit Pinkunoizu – Råhuset
Und ein besonderer Dank geht raus an die Lufthansa, die mein Gepäck auf dem Hin- und das eines Reisebuddies sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg irgendwo zwischen Mailand und München vergessen hat.
Die dritte reguläre LP von Efterklang brauchte eine ganze Weile, um sich in meinem Kopf festzusetzen. Die langen und ausschweifenden Kompositionen der Vergangenheit sind auf “Magic Chairs” einem sehr viel stringenterem Songwriting gewichen.
Über fünf Wochen schlage ich mir jetzt schon diese Platte um die Ohren. Die Kritiker scheinen europaweit die gleiche positive Melodie zu summen: „And the modern drift is all I have“. Postmoderne Popmusik, Versatzstücke aus allen Ecken, The Modern Drift ein großer Opener für eine Platte, die fast live beim gemeinsamen Musizieren entstanden sein soll und nicht mehr in nerdiger Studiobastelarbeit zusammengesetzt wurde.
Mads Brauer, Thomas Husumer, Rasmus Stolberg und Sänger Casper Clausen sind noch immer der innerste Kern von Efterklang, doch scheinen auch die Ideen von besonders Peter und Heather Broderik Gehör gefunden zu haben. Die Platte ist meilenweit entfernt von den endlosen Verspieltheiten der beiden Vorgänger. Wenn die zweite Platte “Parades” ihr “Dark Side oft he Moon” gewesen sein soll, dann ist “Magic Chairs” ihr “Wish You Were Here”.
Casper Clausens Stimme ist weiter in den Vordergrund gemischt, ist nicht mehr nur ein weiteres Instrument im Kosmos des Sammelsuriums von Efterklang und man verspürt eine neue Sicherheit in seinen Vocals. Die Musik ist viel weniger ausufernd als ehedem und ist beinahe schon kurzen Popsingles gewichen. Und genau das ist vielleicht mein Problem. Noch immer kann man auf Erkundungsreise gehen, immer neue Aspekte finden, doch ist “Magic Chairs” nicht mehr der fantastische Hintergrundsoundtrack für späte Nachmittage wie etwa die Liveversion von “Parades”, die mit dem dänischen Kammerorchester eingespielt wurde.
Auf Modern Drift folgt Alike, das böse Sting-Assoziationen weckt, doch gleich darauf trumpft I Was Playing Drums mit einer so herzzerreisenden Melodie auf, wie man sie noch nie zuvor von den vier Dänen zu hören bekam.
Pastorale Chorharmonien, schwebende Streicher und schwere Gitarren, Keyboardflächen verstärken die Vokalmelodien, deren assoziative Wortgebilde wie in dem bedrohlich anmutenden Full Moon („We will cross that line and get away / To the hope that follows / For the dream that swears an oath on better days / Can you hear them calling / Can you hear them falling now“) lange im Kopf nachhallen: Magic Chairs ist ein beeindruckend träumerisches und bittersüßes Gesamtwerk, doch wird es wohl auch einige alteingesessene Fans von Efterklang abschrecken. Sollten sie ihren neuen Popappeal in Zukunft wieder mehr in ihre alten cineastischen Klanglandschaften einbetten, könnten sie eine der meistbeachteten Band des Kontinents werden.
Interview mit Sänger Casper Clausen (auf Dänisch) und Peter Broderick (auf Englisch) vom Releasefest im Global am 18.2.2010. Erstmals gesendet am 23.2.2010 auf XFM, Se Tschörmans. Von Jan Hinnerk Petersen und Jan Christoph Hajek. Schnitt und Zusammenstellung: Jan Hinnerk Petersen und Jan Christoph Hajek.