Mit ‘Chimes & Bells’ getaggte Artikel

Ken Gudman Preis 2011 @ Amager Bio, 09.10.2011

Vier Stunden ohne allzu viele Reden, in denen Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertrafen. Und dieses Treffen harmonierte und es entstand… schöne Musik.

Ken Gudman (1947-2003) hat als Drummer so ungefähr mit allem gespielt, was es in Dänemark an alten Beat-Bands gab: Savage Rose, Young Flowers, The Defenders, tourte mit den Stones und kurz nach seinem Tod wurde dieser Preis in seinem Namen ins Leben gerufen. Dieses Jahr geht er an die erste weibliche und bisher jüngste Künstlerin: Cæcilie Trier, die mit ihren Band Chimes & Bells, Choir of Young Believers, Valby Vokalgruppe und ich weiß nicht was noch, auch mit fast jedem gespielt hat. Sie gilt als die Indie-Königen Dänemarks… sagen die Leute… zumindest haben die guten Menschen von Third Ears in ihrem jetzt eingestelltem Musikmagazin erzählt, dass es Leute gibt, die sie so nennen. Ich kenne eigentlich keinen und „Indie“ und „Königin“ passt vielleicht auch nicht wirklich zusammen. Aber verdient hat sie den Preis und an diesem Abend spielte nicht nur Trier mit einer Handvoll ihrer Gruppen, auch alte Haudegen gaben sich und ihr in einem halbvollen Amager Bio die Ehre. Trier gewann den Preis, da sie genau wie Gudman für „Personlichkeit, musikalisches Handwerk und Integrität“ steht, doch im Grunde sieht Trier den Preis, als einen Preis für die gesamte alternative Musikszene in Dänemark, die in den letzten Jahren aufgeblüht ist.

Zu Anfang spielten die Young Flowers ein Reunionkonzert, allerdings – und das liegt dann wohl in der Natur der Sache – ohne ihren alten Drummer. Conférencier Jacob Haugaard, der mal mit der Forderung, es solle auf allen Fahrradwegen Rückenwind geben, in das dänische Parlament gewählt wurde, führte durch den Abend. Er meinte es sei auch endlich an der Zeit, dass eine Frau den Preis gewinnt, denn „die sehen schon um einiges besser aus als wir Männer, meine Damen und Herren“. Nach den drei Liedern von Chimes & Bells wunderte er sich auch nicht mehr darüber, dass die jungen Leute so wenig Kinder in die Welt setzen: „Die sind echt mal besser als wir alten Leute es damals waren; obwohl, da fehlt irgendwie ein bisschen das Primitive, das erinnert nicht so an Ficken, wie bei uns der Rock `n´ Roll damals. Also einen hoch bekommt man davon nicht. Aber schön isses.“

Schön war es, Valby Vokalgruppe, neue Lieder von Choir, deren neue Platte auch bald erscheinen soll, und – kurz nachdem der Preis überreicht wurde – spielte Cæcilie am Cello ein intimes und stimmungsvolles Duett mit ihrem Vater Lars Trier an der akustischen Gitarre. Eine Trier trat an diesem Abend also vollends ins Rampenlicht und ein Trier meldet sich ab. Mit seiner Band Røde Mor – in Dänemark vielleicht so wichtig wie in Deutschland Ton, Steine Scherben – spielte Lars Trier das allerletzte Konzert. Und viele mittelalten Menschen sangen jede Zeile mit, Lieder über den Krieg, Atomkraft und alles andere, was heute Vergangenheit ist…

Die Gegenwart scheint da.

Dass Rock tot sein soll, wurde die letzte Woche ja ausgiebig in der englischen Presse behauptet. Nicht tot ist auf jeden fall dieser Blog. Aufgewacht aus dem Winterschlaf ist es an der Zeit, auf das Jahr 2010 zurückzublicken. Nachdem die gesamte Welt ja schon ihre Top 10 für 2010 veröffentlicht hat, soll meine natürlich nicht fehlen.

10. Teitur: Let The Dog Drive Home (Playground Music/Arlo And Betty), VÖ 4.10.2010

Unser liebster Färinger hat dieses Jahr seine fünfte reguläre Platte veröffentlicht und fernab von der Experimentierfreudigkeit von „The Singer“ widmet er sich jetzt ganz und gar den poppigen Melodien. Das muss nicht unbedingt schlecht sein und hat es ja auch auf den 10. Platz geschafft. Mit Texten immer zwischen Poesie und Banalitäten hat er es mir aber besonders mit All I Remember from Last Night und Never Leave LA aber angetan. Freight Train und das dazugehörende Video sagt wohl – im Guten wie im Schlechten – alles Nötige.

9. Figurines: Figurines (Playground Music/Morningside Records), VÖ: 27.09.2010

Während „Skeleton“ von 2005 wohl eine der besten dänischen Platten des Jahrzehnts war, schafft „Figuriens“ es immerhin in die Jahresliste. The Great Unknown ist Surfgitarre und Handclaps, New Colours erstaunlicher Pop mit leckeren Vokalharmonien. Das Radio dudelt den Opener Hanging From Above rauf und runter und da will ich dann mal – es war ja grad noch Weihnachten – gar nicht böse mit den Formatradios sein, sondern mitdudeln:

8. The Rumour Said Fire: The Arrogant (A:larm), VÖ: 18.10.2010

Hmmm, ein achter Platz… Nach der großen EP vom letzten Jahr hat The Balcony schon jetzt Klassikerstatus inne und in ein, zwei Generationen könnte es wie bei so vielen Songs aus den ´60ern und ´70ern vielleicht nicht mehr klar sein, wer eigentlich das Original geschrieben hat.
The Arrogant ist nett. Sentimental Falling gut, Sanctuary wirklich gut; aber wären da nicht die Lyrics von Jesper Lidang – die sich immer mit Extremsituationen beschäftigen – würde das alles wahrscheinlich wie ein Kartenhaus zusammenfallen: „And I heard request so I opend his chest with my bare hands / And I wore his broken body […] for ten years and twenty-seven days I wore his face and my heart went black“ (The Arrogant)

7. Chimes & Bells: Chimes & Bells (A:larm Music/Tigerspring), VÖ: 4.10.2010

Genau wie Rumour schafft die Band um Cæcilie Trier es nicht, die Erwartungen nach der EP vom Herbst 2009 100% zu erfüllen. Trotzdem ist ein rundum gutes Debüt gelungen, das sich stundenlang auf meinen Plattenteller gedreht hat. Live sind sie leider Nebelgroßverbraucher, wofür ich überhaupt keinen Grund finden kann, weil die Musik für sich selbst sprechen sollte.

6. The Tiny: Gravety & Garce (The Tiny Music/DetErMine Records), VÖ: 22.02.2010

Auf leisen Sohlen schleicht sich die Schweden von The Tiny als einzige Band, die nicht aus Dänemark kommt, in meine Top 10. Leicht, Fragil, sterbensschön und auf Last Weekend ein Cello, das mit Sängerin Ellekari Larsson um die Wette weint.

5. One-Eyed Mule: Drifting To A Happy Place (Artiscope), VÖ: 15.03.2010

Rasmus Dalls Maulesel hat mit dem dritten Longplayer die Wüste und ihren Rock verlassen und grast jetzt auf den fruchtbaren Wiesen und summt eine Art glücklichen Blues. Besonders der naive Titelsong und das schöne September Sigh („I’m told you’ll always keep me warm“) haben es mir angetan. Den Durchbruch haben One-Eyed Mule noch immer nicht geschafft und werden es wohl auch nicht mehr. Diese, wie auch die letzten beiden Platten, möchte ich aber jedem ans Herz legen.

4. Il Tempo Gigante: Lost Something Good (A:larm/Speed Of Sound), VÖ: 14.06.2010

Was soll ich noch über Rolf Hansen, den ich dieses Jahr wohl 7-8 Mal gesehen habe (auch schon zwei Mal an einem Abend), noch sagen? Ich würde ihn endlich gerne mal wieder mit einer kompletten Band sehen – das wünsche ich mir für 2011. Und ich kann es einfach nicht glauben, wie wenig sein Label aus dieser Veröffentlichung gemacht hat; es gab noch nicht einmal ein Releasekonzert. Shame on you! Und das gleiche geht raus an Rasmus Junge von Soundvenue, der Gewichtigkeit nicht mal erkennen würde, wenn sie ihm auf den Kopf fällt. Dieses Debüt hat das, was ihr so gerne als „internationale klasse“ bezeichnet.

3. Efterklang: Magic Chairs (A:larm Music/Rumraket), VÖ: 22.02.2010

Moderner geht Popmusik nicht. Unmittelbarer als die beiden Vorgänger „Tripper“ und „Parades“ und auch leichter zu verdauen, aber immer noch so verspielt, dass es eine Freude ist.

2. Treefight for Sunlight: A Collection Of Vibrations For Your Skull (Tambourhinoceros/Playground Music), VÖ: 14.10.2010

Im Herbst kamen die Treefighter wie aus dem Nichts und debütierten mit dieser etwas verspäteten Sommerplatte. The Universe is a Woman und Facing the Sun sind klar die besten Lieder und dann sind da ja noch What Became Of You And I und You And The New World und Time Stretcher. Es ist nicht mehr viel Luft nach oben und ich bin schon jetzt gespannt, wie sie A Collection noch toppen wollen. Ein Vertrag mit Bella Union, sichert jetzt erst einmal, dass die Platte in Europa, Asien und Australien erscheinen wird. Eine große dänische Band ist geboren und diesem Herbst und als sie als Vorgruppe mit Rumour tourten, haben sie diese mit Leichtigkeit in Grund und Boden gespielt.

1. Murder: Gospel of Man (Good Tape Records), VO: 11.10.2010

„I’m a picker of cotton / I am what’s left of the youth / I’m a lone soul forgotten / I am in search of the truth […] still just a singer of nonsense” (Picker of Cotton). So ganz glaube ich Jacob Bellens nicht, wenn er in Interviews sagt, er würde sich nicht viel um seine Texte kümmern. Eine tödliche Sonne scheint auf die postapokalyptische Welt von Murder. Die Schatten spenden keine Abkühlung. Seelen werden geerntet, kämpfe um die letzten Ressourcen ausgetragen, doch alle unsere Anstrengungen werden nicht vergebens gewesen sein, wenn wir uns an die Gesichter und wichtiger die Geschichten der Vergangenheit erinnern werden, wenn wir wissen, wie es zur Katastrophe kam, denn „These are days to remember / Seen with wide open eyes / Gently floating in formaldehyde […] Right as rain in the morning / Right as towers of song / Right as everything we thought was wrong“ (Aqueduct), „Help the dead / They´re cold in the ground / As their clothes start to wither […] Tell the dead / Not everything ends / With the ultimate breath“ (Help The Dead)

Lasst uns diese Lieder in den Kirchen singen! Dieses Album ist der Grund, weswegen ich Musik liebe und über Musik schreibe.

PS: Um mich doch noch an der zu oberst genannten Debatte zu beteiligen, gibts noch mal Lärm vom Roskilde Festival 2008:

Klak Tik: Must We Find A Winner (Safty First Records/Import), VÖ: 14.07.2010

Dem Dänen Søren Bonke ist im englischen Exil eine solides Debut gelungen. Der Regen, die Liebe, das Leben – die drei Essenzen Menschlichen Daseins verbunden zu einer Platte, die mehr ist als die einzelnen Komponenten.

Klak Tik, sagt der Regen. Klak Tik.

Klak Tik, sagte der Regen vor zwei Wochen, als ich raus nach Christinia sollte, um Chimes & Bells auf Loppen zu sehen.

Klak Tik.

Der Support sollte laut Programm eigentlich Our Broken Garden sein, doch aus irgendeinem Grund wurde es diese hier zu Lande unbekannte Band.

Klak Tik, dachte Søren Bonke, als er – wahrscheinlich leicht betrunken oder verkatert oder beides – in seinem Zelt auf dem Glastonbury-Festival saß und dem Regen zuhörte.

Klak Tik.

Vor zehn Jahren hat Bonke seine Zelte in Dänemark abgebrochen und ist über den Umweg Düsseldorf (natürlich wegen einem Mädchen) nach London gekommen.

”Speak Klak Tik, the rain said and I understood” steht nun auf seinem Homepage und unter diesem Namen veröffentlichte er am 14 Juni eine sehr schöne Platte auf Safty First Records, die ”Must We Find A Winner“ heißt.

Und ich glaube jeder, der dieses Album hört, wir denken, was ich dachte: „Super, wie Radiohead bevor sie merkwürdig wurden“, doch sind es so viele Referenzen, die herangezogen werden können: Sufjan Stevens, Simon & Garfunkel, Jim O’Rourke… Die Liste ließe sich beliebig verlängern, doch trotzdem ist Klak Tik ganz eigen mit dem Piano, den kristallklaren akustischen Gitarren, den ruhigen aber insistierenden Drums und dein feinen zart melancholischen Melodien, die irgendwo tief in unsere winterkalten Herzen treffen.

The 2nd Wave is Sometimes Bigger ist als das erste Lied ein kleines Meisterwerk, ansonsten fällt das Album leider leicht ab von dem aufgeblähten Livesound, der mit bis zu acht Musikkern auf die Bühne gebracht wird.

”Must We Find A Winner” bekam 9 von 10 Punkten im NME und rhetorisch geschult – no strings attached – schreibt Journalist John Doran ”So who has released the orchestral folk album of the year? Some people think it’s Bonke’s.”

So weit würde ich nicht gehen. Das Album hat – mit seinen 13 Liedern und fast einer Stunde Spielzeit – einige Längen; viele Lieder vergisst man gleich nach dem hören, doch fügen sie sich ins Ganze ein und man sollte diese Album unbedingt einmal auflegen, wenn der Regen fällt und man am liebsten auswandern würde – vielleicht wegen einem Mädchen.

Klak Tik, sprach der Regen und ich verstand.

Heute sind es nur noch 45 Tage, bis der Startschuss für das 30. Festival in Roskilde fällt, aber noch 49, bis die Musik losgeht. Was macht man also, um die vier Tage zu überbrücken? Man verbringt die Zeit im Pavilion Junior und kann danach schon fast getrost seine Sachen packen und den Heimweg antreten.

Es war einmal auf Camping Vest: Eine Handvoll upcomming Bands wie Nephew (Pfui!) oder Baby Woodrose (Hui!), ein zur Seite hin offener Trailer und eine Soundanlage, die sehr viel mieser war, als all die Boomboxes, die seit einigen Jahren zu jeder Tages- und Nachtzeit von den Draufies über die Campingplätze des Roskilde Festivals gerollt werden; doch dieser unpolierte Sound war 2001 auch Grund dafür, dass Saybia ein fantastisches, fast magisches Konzert spielte – nur einige Monate bevor sie mit ihrem viel zu süßen und glattgeleckten Popbonbons und der Platte „The Second You Sleep“ debütierten.

Heute stehen 2.000 Menschen auf 1.134 m² im Pavilion, der in den Tagen vor dem eigentlichen Beginn des Festivals seine Pforten (Was hat ein Zelt?) unter dem Namen Pavilion Junior öffnet, um die Zukunft der skandinavischen Indiemusik zu sehen; und nicht wenige erinnern sich an große Konzerte von CODY, Men Among Animals oder Erwin Thomas.

Es ist an der Zeit, mal auf das Line-up 2010 zu schauen und die Bands vorzustellen, für die der Pavilion Junior der Startschuss einer großen Karriere sein könnte.

Cæcilie Trier

Cæcilie Trier, Cellistin von Choir of Young Believers, weiß, wie es ist, vor 2.000 Menschen zu spielen, nachdem sie hier bereits 2008 mit dem damaligen Projekt Le Fiasko groß aufspielte. Heute kommt sie mit ihrer Band Chimes & Bells und endlich rückt ihre großartige Stimme, die man schon von Fiasko und Choir kennt, in den Vordergrund einer dunklen aber verträumten Popfläche mit kreischenden Gitarren und bedrohlichem Elektrogeknister im Hintergrund. Die erste EP „Into Pieces Of Wood“ erschien bereits im Februar 2009. Das Konzert ist ein absolutes Must dieses Jahr, You Shall Not Pass!

Das gleiche gilt für die finnischen Indiepopgaukler Rubik, die – gerade ihre zweite Platte veröffentlicht – etwas an die wunderbaren Attrap erinnern, die 2009 nur kurz durch den dänischen Sommer tanzten.

Die Plattendebütanten von Kråkesølv imponieren mit melancholischen Uptemponummern auf Norwegisch und wenn man eine Band auf gar keinen Fall vergessen darf, dann ist es Sleep Party People (DK); Brian Batz´ Einmannprojekt hat im Januar einer wundervolle, mystische und doch kristallklare Platte veröffentlicht, ungeheuerlich und unheimlich.

Wem das jetzt alles zu ruhig wird, der sollte um seinen Platz im Moshpit kämpfen, wenn die Hardcorepunker von Night Fever (DK) den Pavilion zum Beben bringen werden und Vorsänger Salomon wütend seine desperaten Vocals ausrotzt, oder Iceage (DK), gerade der Minderjährigkeit entwachsen und wohl die toughesten Punkkidz dieses Landes, dem skandinavischem Publikum mit ihrer Californiaattitüde einheizen. Straight outta K-Town!

Nach all dem Gepoge ist es vielleicht angebracht, seine Sneaker nach Schäden abzuchecken. Das geht zu der psychedelischen Shogazerband JOENSUU 1685 (FIN) oder Kandy Kolored Tangerine (DK), deren Single Baby Love es auf die Rotationslisten der dänischen Formatradios geschafft hat.

Die Jungs von The Rumour Said Fire, die letztes Jahr den Radiotalentpreis gewonnen haben, überspringen den Pavilion Junior und wurden – trotz nur eines EP-Releases – gleich als einer der Hauptacts gesignt; aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Pavilion Junior ist ein Festival vor dem Festival und hier hat man eine der besten Chancen zu sehen, wo die alternative Musik aus Skandinavien sich zurzeit hinbewegt.