Archiv für die Kategorie ‘Plattenkritik’

Von einer Platte, die so nicht erschienen ist, zu einer Platte, die so nicht hätte erscheinen sollen. Kurz vorm neuen Jahr kommt der zweite Teil von Liegengeblieben 2011.

Jacob Faurholt: Dark Hours (Raw Onion Records), VÖ: 15.08.2011 Dark Hours - Jacob Faurholt
Nach seinen Platten mit seiner ersten Band Sweetie Pie Wilbur, nach seinen Projekt Why Write? und Utyske erscheint jetzt die dritte Soloplatte des Wahlberliners. Faurholt macht genau da weiter, wo er 2009 mit Are You In The Mood For Love? aufgehört hat, macht nämlich kein Fass auf, spielt leise und in sich selbst ruhend seine 11 Lieder. Bewahre, die Platte ist an und für sich nicht schlecht, nur fehlen mir ein, zwei Lieder, die mich vom Hocker reißen. Medicine wirkt mit Hintergrundlärm-Experiment und der Doppelung der Stimme neben dem schönen cohenschen Untitled noch am besten. Und dann sollte unter allen Umständen auch das nette Creatures in the Sea erwähnt werden, bei dem Sóley von der isländischen Band Seabear einen bezaubernden Gastauftritt hat.

From Sarah: Notes (Slow Shark Records), VÖ: 05.09.2011 Notes - From Sarah
Auf der ersten EP von CODY gibt es denn Song Comfort And Rage, wo Gitarrist David Fjelstrup die zweite Strophe singt. Das wirkt erfrischend und besonders, da dieses Experiment auch bisher nicht wiederholt wurde. Nun hat Fjelstrup zusammen mit Bassist Moogie und Trommler Ask Bock eine Zweitband gegründet und das, was besonders war, wird Normalität. Noch zeigt sich nicht das ganze Potential der Band; die EP markiert nur das Territorium, zeigt aber noch nicht, wo es eigentlich hingehen soll. Unter die vier Songs gibt es weder ein schlechtes Lied noch eines, das besonders hervorzuheben wäre. 17 Minuten läuft es einfach nur und ist dann vorbei. Während wir auf die LP warten …

Demons

Hammonds, Harrington & Destroy: Hammonds, Harrington & Destroy Forever EP (Facebook), VÖ: Januar 2011
Sollte man überhaupt eine Platte reviewen, die niemals erschienen ist? Die vier Jungs von HH&D, die früher mit verschiedensten Bands die halbe Welt bespielt haben (The Fashion, Decorate Decorate, Hatesphere/Black City und 20 Belows/The Headliners) gründeten sich Ende 2010. Die Lieder, die die EP ausmachen sollten, erscheinen Anfang Januar auf Facebook. Weil irgendwo irgendjemand die Augen und Ohren offen hatte, wurden sie allerdings als einer der ersten Acts überhaupt fürs Roskilde gebookt, was dazu führte, dass HH&D den physischen Release der EP Hammonds, Harrington & Destroy Forever auf unbestimmte Zeit verschoben.
Musikalisch befinden wir uns in einer schwer zu beschreibenden Folk-, Punk-, Indierock-Welt. Die aggressiv-melancholischen Texte drehen sich um kaputte Familienstrukturen, Alkoholismus, einen heftigen Vaterkomplex – Sänger Jakob Printzlau schüttet sein zerbrochenes Herz aus und als besonderer Twist werden die Refrains seiner intimen und verbitterten Texte von der gesamten Band geshoutet, was natürlich besonders live einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Inzwischen wurden sie von Playground Music gesignt und veröffentlichen dann in der ersten Hälfte 2012 die erste „richtige“ Platte.

Die EP auf Grooveshark (wer weiß denn, wie lange sie noch auf FB liegt?)

Jogil Knif: Jogil Knif EP (Eigen Vertrieb), VÖ: 14.06.2011 Download via Bandcamp
Einer Entdeckung, die ich dem neuen Netzmag Underlyd zu verdanken habe. Ansonsten hat auch niemand, wirklich niemand über diese kleine majestätische EP berichtet. Meist nur begleitet von einer akustischen Gitarre, mal von einem Akkordeon, singt Torsten Højgaard mit einer eigentlich unbedeutenden Stimme, in simplen Melodien, kaum erwähnenswerte Texte über die Liebe („You are mine / Mine, mine to love / Mine to hold / Mine to watch from a distance [..] You and I“) mit Titeln wie You And I und With You. Aber das alles hat eine solche Zwanghaftigkeit, dass es schwer ist, sich dem zu entziehen.
Die Frage ist, wie sich die Zukunft gestalten wird. Es scheint, als würde Højgaard sich nicht weiter mit Promotion auskennen, als wäre es ihm auch nicht wirklich wichtig und ob eine Plattenfirma sich seiner annehmen möchte, wage ich eigentlich zu bezweifeln. Was bleibt, sind vier Lieder im Geiste von Elliot Smith und Nick Drake und mehr… mehr wird wohl nicht kommen, aber ich werde 2012 gerne positiv überrascht.

The Late Great Fitzcarraldos: The Late Great Fitzcarraldos (A:larm Music / Fake Diamond Records), VÖ: 02.05.2011 The Late Great Fitzcarraldos - The Late Great Fitzcarraldos
Getragen wird diese funky Karibikplatte von Tobias Buchs feinem Falsett und Jakob Millungs brummenden Bass. Vor einem knappen Jahr haben sie eine EP mit vier Tracks auf die Straße gebracht und diese Tracks bilden auch das Rückgrat des LP-Debuts – sind unter den ersten fünf Nummern zu finden. Das sagt vielleicht einiges über die Qualität der anderen Lieder aus. Dass die Platte für mich aber trotzdem zu einer der besten dieses Jahres gehört, sagt wiederrum einiges über die EP aus. Gerne würde ich Urlaub auf Kuba machen, meine warmen Abende in der Strandbar verbringen, Cocktails trinken und jeden einzelnen Abend dieser Band als Hauskapelle lauschen. Es klingt wie Sand zwischen den Zehen. Bittersüße Liebeslieder – die Hommage an Annie und My Temptation könnten Klassiker werden.

Annie

My Temptation

With No Arms And Legs: With No Arms And Legs (It Was Gnarled), VÖ: 20.06.2011 With No Arms and Legs - With No Arms and Legs
Was habe ich nicht schon über diese Band gesagt? Über diese vielleicht beste Liveband des Landes geschrieben? Bei den 10 Liedern dieser Platte gibt es keinen einzigen wirklichen Durchhänger, keine Lieder, bei denen man sagen könnte, dass sie nicht auf dieser Platte sein sollten. Doch die Masse macht´s. Es fehlt ein durchgehender roter Faden, irgendetwas, das alles zusammenhält. Diese Platte ist leider ein Mischmasch, mit dem die Bandmitglieder im Nachhinein selbst nicht zufrieden sind. Es geht in zu viele Richtungen. WNAAL wollen alles und gewinnen dabei im Endeffekt nichts. Noch mal: Es gibt keinen schlechten Song auf der Platte; Ballet Mess, Butterflies oder Sliver Of A Wet Dream sind sogar äußerst hörenswert, aber nichts, nichts von der Livequalität dieser vier wundervollen Menschen ist auf diesem Debut zu hören. Einen Gang zurück und bitte eine EP in 2012 rausgeben.

Einige Platten sind im Laufe des Jahres liegengeblieben und die möchte ich – auf mehrere Postes verteilt – in alphabetischer Reihenfolge und relativ kurz besprechen. Heute gibt es ein A zwei Cs und obendrein noch ein D.

Alcoholic Faith Mission: Ask Me This (Alarm Music), VÖ: 03.10.2011 Ask Me This - Alcoholic Faith Mission
Die produktivste Band der Copenhagen Collaboration veröffentlicht den vierten Longplayer seit 2006, können aber weder das Niveau der Vorgänger noch von der EP „And The Running With Insanity“ vom Februar halten, deren Titeltrack auch den Weg auf diese LP fand. Der Song ist auch einer der wenigen wirklichen Höhepunkte und es mag sein, dass die Kreativität nach all den Jahren etwas aufgebraucht ist. Nicht dass „Ask Me This“ schlecht ist, keinesfalls. Aber Lieder wie z.B. Don’t Be Evil, das monoton vor sich hin dudelt, fallen einfach durchs Raster. AFMs Sound hat sich auf dieser LP – die gerne wieder eine EP hätte sein dürfen – etwas Richtung Efterklang und Slaraffenland entwickelt, nur leider etwas glatter, doch das dann wiederum ohne so catchy wie die Originale zu sein. Eine längere Pause, um sich (wieder) zu finden, würde mich nicht weiter stören.

Running With Inanity

CODY: Under The Pillow, Under The Elms EP (Slow Shark Records), VÖ: 24.06.2011 Under the Pillow, Under the Elms - EP - Cody
Was habe ich mich nicht irgendwann gelangweilt. Weil halt einfach nichts Neues kam. Auf den Konzerten wurden immer wieder und wieder die gleichen Songs gespielt. Im Gegensatz zu den Collaboration-Geschwistern von Alcoholic haben CODY für diese EP eine kleine Ewigkeit gebraucht; vier Lieder in zwei Jahren, doch hat sich das Warten gelohnt. Die in Violine und Cello gebadeten Melodien gehören zu dem Besten, was die Band um Kaspar Kaae bisher geschrieben hat.
Sie bewegen sich etwas weg von Americanasound der ersten EP und dem Album „Songs“. Noch immer melancholisch und zart aber nicht mehr so beschränkt in ihrem Stil und besonders Under The Elms – ach Quatsch! – alle vier Lieder machen Lust auf den zweiten Longplayer, der (hoffentlich) 2012 erscheinen soll.

Under The Elms

Cape Canaveral: Holden Caulfield EP (Eigen Vertrieb), VÖ: 18.11.2011 Free Download
Underlyd is pulling the “potential-but…”- card. Just like my mom. But it’s ok. They like us.. a bit. Maybe. What do you think?”, schreiben Cape Canaveral auf ihrer Facebook-Wand. Ich gehe etwas weiter und sage „a lot of potential-but…” – viel zu gut gefällt mir ja schon der Name. Allerdings muss man die EP, die gratis via Bandcamp runterzuladen ist, auch als ein Versprechen ansehen, dass erst noch eingelöst werden muss. Die ersten beiden Tracks For The First Time In My Life und Holden Caulfield sind langsame lo-fi Balladen, wie man sie von tausenden Bands kennt. Am besten gefällt Mothers House, das fast an `60-Jahre Surf erinnert. Für das letzte Lied Thoughts Of Me drosseln sie wieder die Geschwindigkeit, doch kann man sich in diesen sieben Minuten treiben lassen, einer frechen Trompete und driftenden Gitarren lauschen, einfach lächelnd dahindämmern.

„Cause I just wanna hear your friends talking dirt about me / I just need something to proof that I am around / Cause I am around“ (Mothers House) – Ja, Cape Canaveral haben markiert, dass es sie gibt, aber demnächst muss das Versprechen dann auch eingelöst werden.

Dad Rocks!: Mount Modern (Father Figure Records), VÖ: 08.11.2011 Download
Dad Rocks! Erste LP ist, wie alles auf dem Lable Father Figure Records, unter Creative Commons herausgekommen, was bedeutet, dass ich sie hier gratis zum Streamen rauslegen darf – im Gegensatz zu all den andern Liedern, die sich hier in einer Grauzone befindet – und dass jeder damit machen darf, was er will. Auch ist es Frontmann Snævar Njáll Albertsson egal, ob die Platte gratis heruntergeladen wird, oder ob man doch etwas Geld für die Ausbildung seiner Kinder springen lässt.
Die meisten Lieder sind simpel strukturiert. Meist nur eine akustische Gitarre, nur ab und an sind sie von einem Piano angetrieben, die häufig verwendeten Bläser nur Garnitur. Albertsson ist ganz und gar kein großer Sänger, hat aber eine schöne warme Stimme. Immer, immer, immer hört sie sich ironisch an, was auch zu dem durchaus kulturkritischen (-pessimistischen?) Textuniversum passt: „The nagging for movies and targeted ads / Result in a dollar-value without brake-pads / Do girls get their minds fucked by cultural brats / Does it affect their moms patterns, does it affect their dads?” (Pro-Dinsney). Allerdings ist das, was auf der EP „Digital Age“ noch charmant war, auf Dauer etwas langweilig. Trotzdem darf man gerne reinhören und wenn es einem gefällt, darf man auch gerne etwas bezahlen. Mount Modern ist auch auf Vinyl erschienen in einer auf 110 Kopien limitierten Auflage. Und da habe ich doch mal was in die Zukunft von Albertssons Kindern investiert.

Blau, Schwarz, Regen

Veröffentlicht: 18/10/2011 in Plattenkritik
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The Foreign Resort: The Foreign Resort EP (Monolathe Records), VÖ: 03.10.2011 The Foreign Resort - EP - The Foreign Resort

Mit einer kurzen EP melden sich The Foreign Resort nach fast drei Jahren zurück. Und während sie hier in Dänemark noch immer nur einigen Shoegazern ein Begriff sein sollten, erobern sie die USA und den Rest von Europa.

„[…]eine gute Platte für lange, dunkle, verkaterte Autofahrten und für die Lichter der Stadt, für den viel zu frühen, kalten Morgen, für die Kopfhörer und die Isolation.“ Das habe ich damals zum Debut „Offshore“ geschrieben und die LP zusammen mit Attraps „Happitalism“ in meiner kleinen Welt zur dänischen Platte des Jahres ernannt. Doch auch das alte Klischee vom Propheten im eigenen Land habe ich bemüht und es sieht nicht so aus, als würde sich das mit der neuen EP, die auf dem kleinen texanischen Label Monolathe erscheint, ändern.

Auf die ersten beiden Tracks Colleen und Orange Glow, die von The Foreign Resort schon vor Monaten als Single rausgeschickt wurden und die beide straight und kompromisslos nach vorne gehen, folgt das nachdenklichere Heart Breaks Down. Melancholisch und herzzerreißend singt Mikkel B. Jakobsen immer wieder und wieder die gleichen Zeilen: „Heart aches / Heart breaks down / Heart aches / Heart breaks / Tumbeling down“ – einer der vielleicht besten Songs, die The Foreign Resort bisher geschrieben haben. Leider geht es mit Take A Walk wieder ganz tief in den Rockkeller, breitbeinige Belanglosigkeiten übers Feiern: „We never looked as pretty as we did tonight“; da kann man drüber singen, muss man aber wirklich nicht. Glücklicherweise kriegen sie mit dem über siebenminütigen Abschluss Torch It wieder die Kurve. Mit schwebenden Gitarren einem treibenden Bass und Schlagzeug sorgt das Quartett für einen weiteren Höhepunkt in ihrem Schaffen.

The Foreign Resort hat wieder einen Soundtrack für die Großstadtlandschaften geschaffen, Kopfhörer auf und raus, durch regennasse Straßen, mit der U-Bahn Stundenlang an das andere Ende der Stadt, durch die blauschwarze Welt im Untergrund. Am besten zu einem Konzert. Obwohl… in DK spielen sie leider allzu selten, treiben sich zurzeit wieder in New York rum. Vielleicht ist Kopenhagen und ist Dänemark einfach zu klein für die vier Dänen, die – wenn sie woanders herkommen würden – in diesem Land für ihren Sound irgendwo zwischen The Cure und Sonic Youth abgefeiert werden würden.

Ja, ja Prophet im eigenen Land und so. Hier haben wir auch nur zwei kurze Metrolinien.

The Yes Wave: The Yes Wave (Divine Records), VÖ: 26.09.2011 The Yes Wave - The Yes Wave

Fast drei Jahre nach der ersten und einzigen Platte von Won’t Lovers Revolt Now ist der Singer/Songwriter Jeppe Cornelius zurück – mit neuen Songs, neuem Label und neuer Band. Und nein, The Yes Wave hat nichts mit Sonic Youth zu tun.

Die LP von den Lovers, die im Januar 2009 auf Morningside Records rausgekommen ist, bekam überwiegend gute Kritiken, allerdings stellte sich nicht der erhoffte Erfolg ein; es wurden bei weitem nicht so viel Jobs gespielt, wie sie es gerne gehabt hätten, und die Band war uneinig, wie es weitergehen sollte. Von der ursprünglichen Besetzung ist neben Cornelius nur noch Drummer Dan Hvidtfeldt Larsen übrig, dazu haben sich sein Bruder Rolf (Gitarre) und am Bass Kristian Harting von DreamJockey gesellt. Man behielt zunächst den alten Namen bei, doch schien die Musik in eine neue Richtung zu gehen und man benannte sich nach einer Aussage von Sonic Youth’ Thurston Moore, der in der Doku „Kill Your Idols” sagte dass The Yes Wave das nächste große Ding sei, das nach No-Wave kommen würde. Im April dieses Jahres hat dann auch noch Morningside dichtgemacht. Das dänische Label Divine, das sich in Berlin niedergelassen hat, hat die vier Jungs gesignt, und überhaupt wird jetzt eher auf den deutschen Markt geschielt. Alles neu also. Alles neu?

Nicht alles ist neu. Es ist etwas aufgeschlossener, offener und nicht so in sich gekehrt, wie es bei Won’t Lovers Revolt Now der Fall war, doch hört man jedem der elf Lieder an, dass sie von Jeppe Cornelius geschrieben wurden, was ja nicht unbedingt von Nachteil ist. Alternativer Folkrock mit einer gehörigen Portion Country sind die Hauptbestandteile dieser Platte, ab und an mit einer klitzekleinen Brisen Noise, zentriert um Cornelius’ melancholischen, warmen und etwas zerbrechlichen Stimme. Es klingt staubig, wir essen staub, wir trinken Staub, alles ist staubig in einem alten Saloon, an dessen Tischen wir sitzen und mit zerknitterten Karten um die nächste Runde spielen, während wir darauf warten, ob wir diese Stadt nicht doch noch verlassen können. „I’ll never get a chance to leave this town / Where hangovers and heartaches hang around”, heisst es herzzerreisend in The Great Applause, das neben dem Opener There’s Still Time und The Devil Don’t Mind („The pocket in my pants is leaking / all the fluff is falling out”) der stärkste Track der ersten Hälfte sind. Eternal Powers (hier ist die Brise Noise zu finden) teilt die Platte auf und hier gibt es bis auf das vielleicht beste (fast schon leicht und glücklich anmutenden) Lied The Little Red Book nur noch wenige Höhepunkte, wie etwa die Bläsersektion, die A Bottle Of Delight einleitet.

Doch ist das Jammern auf relativ hohem Niveau. Ich hoffe, dass Jeppe Cornelius und The Yes Wave länger halten als Won’t Lovers Revolt Now, denn ja, es kann sein, dass das nächste große Ding Yes Wave ist und ich bin gespannt, wie es weiter geht und was wohl das nächste große Ding sein wird.

The Great Applause

The Little Red Book

Let Me Play Your Guitar: Let Me Play Your Guitar (Speed of Sound/Alarm), VÖ: 19.09.2011 Let Me Play Your Guitar - Let Me Play Your Guitar

Anderthalb Jahre nach der ersten EP, wurde jetzt der selbstbetitelte Longplayer rausgegeben. Der macht genau da weiter, wo „Doinig Rainbows“ aufgehört hat.

Nach ihren Hilferufen, nach unzähligen Konzerten in Dänemark, auf dem SPOT und auf der gerade überstandenen Popkomm ist es jetzt also soweit. Ein Label hat die sechs Jungs von Let Me Play Your Guitar gesignt und dürfte darüber wohl sehr glücklich sein. Der Nachfolger von „Doinig Rainbows“ ist ein solides Album geworden, allerdings ohne allzu viele Höhepunkte. Man darf sich fragen, ob die Dänen jemals das Sandmännchen gesehen haben, aber die ersten 17 Sekunden vom ersten Song, To a Lover, hören sich an, als wäre es Zeit ins Bett zu gehen und so klingt auch die gesamte LP – mal gähnende Langweile, dann wieder träumerische Klänge, die nur wenige so hinbekommen würden.

Ein volles, gesättigtes Klanguniversum entfaltet sich nach diesen ersten 17 Sekunden: Piano und akustische Gitarren, Vokalharmonien und immer wieder bleiben Fragmente im Ohr hängen, ohne dass ich sie einem bestimmten Lied zuordnen könnte: „The sound in my earphones, babe / Is my great escape […] Open your eyes / See the city sleeping“ (Open Your Eyes). Alles schlafwandelt vor sich hin, nur ab und an scheinen die Jungs aufzuwachen und sind am besten, wenn sie ihre Vorbilder wie die Fleet Foxes oder auch die Dänen von Rumour Said Fire (die weit größere lyrische Qualität besitzen) einfach mal im Plattenregal stehen lassen und wie bei Wherever You Go etwas eigenes schaffen.

Die Texte sind mal melancholische Alltagsbeobachtungen, mal Alltagsbanalitäten aus dem Tagebuch eines Teenagers mit Titeln wie Hero In Your Bed und auch gerne mal Lebensratgeberweisheiten und Punchlines: „Look at youself and feel pretty“ (Midnight Scene) oder „There is much more to give than to take […] And the wise man turns out to be you” im schönen Roses, das ganz sanft mit Ukulele beginnt und sich langsam großwächst.

Es ist nicht so, als würde es auf und ab gehen; es geht meist immer gerade aus. Aber das ist ja auch nicht weiter schlimm. Lege die Platte kurz vor dem Schlafengehen auf und sie wird ein sicherer Begleiter in deine Traumwelt sein.

Wherever You Go (single edition)

Leap Over Light: Wild Oak (Eigen Vertrieb), VÖ: 06.06.2011 Wild Oak - Leap Over Light

Im Januar waren Julie Aagaard und Lennart Rasmussen zu Gast bei uns im Radio. Im April wurden sie von der rennomierten Musikzeitschrift Gaffa zur Demo des Monats gewählt und nun erscheint ihre erste EP „Wild Oak“.

Die erste Nummer, Thousand Lies, beginnt schnell und unerwartet: „You’re such a good girl / You’re gonna go far / Always do your homework / Always work so hard / Always say thank you / And finish your plate / In bed by ten up at work at eight”, alles serviert auf einem hektischen Electrobeat, der in einem schwebenden Chorus mündet: „Wash me Down / I am dirty / I smell like / A thousand Lies” – sind alles nur Lügen?

Die drei folgenden Nummern sind langsamer, eine Klarinette spielt etwas wild und unbändig, ein trauriges Cello taucht auf und verschwindet wieder aus einem Klanguniversum, das mal dreckig, mal verführerisch schön klingt. Lennart Rasmussens Gitarre sorgt für die melancholische Grundstimmung. Julie Aagaards Stimme schwebt über dem Ganzen, betrachtet die Welt von oben.

Leap Over Lights zweites Lied, We Hang A Lot, berichtet von den endlosen Zweifeln, die Liebe mit sich bringen kann, wie sie schmerzt und heilen kann: „The cruelest things you say come out like music – you sound / Like a rusty, old, weathered, cynical buffoon / I forgive your lack of faith”. Howl At The Sun, den Leap Over Light im Februar bei uns im Radio gespielt haben, ist eine Abrechnung mit dem Hedonismus einer egoistischen Jugend, die nichts mehr sieht, nichts mehr kann, alles will und nichts erreicht. Sie betet eine Sonne an, die für alle Ewigkeit herabscheinen wird, die erbarmungslos zuschaut, was wir hier unten mit unserem belanglos kurzem Leben treiben: „Stare into the light / Till it burns holes in your souls / Sunstroke and /Drunk and cold /We fake our way / Through self-indulgent charity / We look good / Before we´re old“ – ein Lied mit dem potential, es auch in das dänische Formatradio zu schaffen.

Jugendblüte Ungeduld, doch viel zu schnell werden wir erwachsen, ohne uns zu kümmern, ohne zurück zu blicken. Das Alter kommt. Und mit dem Alter der körperliche Verfall. „A rough and weathered wild oak / Toughened by the times / Weakened by a heartache / […] / A weak and battered tree stump / An excuse for himself”, besingt Julie Aagaard im letzeten, für diese EP namensgebenden, Lied das Unabwendbare. Die Gitarre lässt die Gefahr, dass wir nichts aus unserer wenigen Zeit machen, erahnen, ein Cello beweint unseren Stumpfsinn.

„Wild Oak” könnte der Anfang einer kleinen dänischen Indie-Karriere sein und vielleicht sogar der Anfang von etwas ganz, ganz Großem. Sie sollten nicht zu lange mit dem Longplayer warten.

We Hang A Lot