Die Überschrift stammt von Cody, die dieses Jahr allgegenwärtig waren. Obwohl es schon zu erahnen war, dass da etwas Großes heranwächst, war es doch nicht zu wissen, dass es so schnell gehen würde, als mir Kasper Kaae im Februar während eines Pete Molinari Konzerts seine EP mit den Worten „Ich hab da übrigens auch eine Band“ in die Hand drückte. Doch habe ich hier schon genügend über Cody berichtet und möchte mich heute dem dänischen Musikjahr 2009 fernab von X-Factor und dem Formatradio widmen. Willkommen zum ersten Jahresrückblick auf Four Sheets To The Wind in Copenhagen.

Kasper Kaae von Cody


Das beste Konzert einer dänischen Band, das ich dieses Jahr besucht habe (Das Roskilde Festival möchte ich an dieser Stelle etwas beiseite schieben), war ganz klar A Key Is A Key am 2.10 im Huset – wahrscheinlich auch, weil es eine Band war, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Radar hatte. Ich hoffe, dass Michael und Nico demnächst ins Studio ziehen werden. Es wird spannend, ob sie ihren besonderen Sound auf Platte gepresst bekommen.

Das Konzert, das mich am meisten enttäuscht hat, war wohl leider Sinner/Sunrider am 29.10 im Rust – nachdem ich sie schon einige male live sehen wollte und immer verhindert war, kam zu einem miesen Sound und lustlos vorgetragenen Liedern noch die widerliche Atmosphäre im Rust hinzu, welches ich im neuen Jahr wohl weitreichend umgehen werde.

Für mich gibt es zwei Platten – die im Frühling veröffentlicht wurden und deshalb hier noch nicht aufgetaucht sind – die das Zeug zur Platte des Jahres hätten: Offshore von The Foreign Resort und Happitalism von Attrap. Wärend The Foreign Resort eher im Ausland für Furore sorgen, haben Attrap sich noch vor Veröffentlichung ihres Debuts aufgelöst. Beide Platten möchte ich hier noch mal besprechen.


Der Prophet im eigenen Land…
The Foreign Resort: Offshore (Flat Ape Musik/Smukstøj;), VÖ: 20.02.09

The Cure klopfen an die Tür des dunklen, hypnotischen Debuts der vier Dänen. Es erinnert an Joy Division und Sonic Youth, klingt aber trotzdem neu und frisch und ganz eigen.

Die Band um Mikkel Borbjerg Jakobsen existiert seit drei Jahren. Nach vielen Konzerten in Dänemark, Deutschland und zwei Konzerten in den USA veröffentlichten sie im Februar 2009 ihr Debut in Zusammenarbeit mit dem kleinen Plattenladen Smukstøj;, der ein Steinwurf entfernt von meiner Wohnung auf der Vesterbrogade liegt.

Offshore öffnet mit The Starlit Sea, einem 20 Sekunden langen Gitarrenfeedback, dann setzt ein trockener beat ein, der mich an The Clash erinnert, eine zweite Gitarre und der Bass: „I’m out here alone / feeling homesick / Please rescue me // cause I have been drifting around / Aimlessly on the starlit sea / Please reach out for me / I need solid ground under my feet“

Die Texte sind eskapistisch, handeln von der Flucht, davon, wo anders anzukommen: „A Paradise in my head / What is the illusion for? / Show me the way to the sunshine / Show me the way to the foreign resort“ (Into The Sunshine), hier sind die desperaten Vocals unterlegt mit einer monotone Keyboardfläche. In Toward The Dusk gibt es Bläser zu hören, doch das Subjekt der Texte verbleibt herbstlich depressiv: „Will I make it / Before the leaves struck to the ground? / And everything turns into sadness? /…/ I’ll be driving towards the dusk. “

Im Radio kommt The Foreign Resort nicht vor. Seit dem Debut haben sie nur vier Konzerte in Dänemark gespielt, dafür mehrere in Deutschland und eine größere Tour in den USA und jetzt im Januar steht eine Tour durch Italien an. Desweiteren wurde Offshore in Italien, USA und demnächst wohl in Deutschland veröffentlicht – was wenige dänische Bands von sich behaupten können. Doch der Prophet im eigenen Land scheint nicht gehört zu werden.

Im Frühling gehen The Foreign Resort wieder ins Studio, um einen Nachfolger aufzunehmen. Ab und an, denke ich, könnten die Jungs etwas melodiöser werden, abwechslungsreicher, da die neun Songs mit der Zeit doch arg monoton werden. Aber es ist eine gute Platte für lange, dunkle, verkaterte Autofahrten und für die Lichter der Stadt, für den viel zu frühen, kalten Morgen, für die Kopfhörer und die Isolation.

„I need silence / I need walls“ (Relax (It’s Only Love))

The Foreign Resort Myspace


I want to share this sonic explosion with you / And perhaps a bottle of wine
Attrap: Happitalim (Good Tape Records), VÖ: 27.04.2009

“Put your trust into the folksingers”, singen Attrap. Und das habe ich getan, während diese Band mit ihrem Debut den nassen dänischen Sommer in einen langen Sonnenscheintag verwandelten.

Es ist schwierig, die Essenz dieser Platte in einige wenige Sätze zu fassen. Es gibt viel zu wenige Worte, um ein so großes und reiches Universum zu beschreiben, ein Universum, das mit Boygirl beginnt, nicht Big, aber Bang: „You and I can stop the time”. Irgendwie sehr naiv und da kommen ihre Handclaps – Auf dieser Platte gibt es kein Schlagzeug – und das Lied endet da, wo alles vor millionen von Jahren begann: In einem Sumpf; hört euch nur die brünstigen Frösche an.

Und das Universum dehnt sich aus, wächst heran zu einer wunderschön melancholischen, verwachsenen Urwaldwelt. Wir sitzen zusammen mit diesen Indiefolkgauklern von Attrap rund ums Lagerfeuer am einsamen Strand des Urmeeres Tythes und feiern den „giggling, juggling citycircus”, während sie uns von den guten, alten Zeiten erzählen: „There was a drift in the early 19. Century in the summer I grow up /… / It was a hazy dream / The sound of apples in Subscandinavien gardens” (The Good Times). Ja, das waren sie, die guten Zeiten, oder etwa doch nicht?

Hin und wieder, wie zum Beispiel in Warsong, klingen die vier Dänen etwas zu sehr nach versnobten und verwöhnten Kindern der New Yorker Modelelite, aber „You have been dreaming of the USA for far too long now” (USA), während sie in Wirklichkeit doch nur von weißer Weihnachten in Skandinavien träumen.

Sie beschließen Happitalism Big, aber ohne Bang mit Blowaway: „If I open this window / please don’t blow away / … / No, I never ever dare anything anymore / if you blow away / If you let go with me”.

Es ist eine Schande, dass die Band sich noch vor Veröffentlichung ihres Debuts auflöste, doch haben sie inzwischen neue Bands gefunden. Während Frontmann Jonas Petersen unter dem Namen Hymns from Nineveh etwas zu christlich geratenen Folk spielt und gerade eine Weihnachts-EP auf Good Tape Records veröffentlicht hat (Debut folgt 2010), machen Gertrud Hjelm Kongshøj und Johan Ask Nielsen weiter in der Band With No Arms And Legs, die – leider noch ohne Plattenvertrag – das Attrap-Erbe verwaltet.

Attrap Myspace
With No Arms And Legs Myspace
Hymns from Nineveh Myspace


Wenn jetzt also meine dänischen Platten des Jahres bestimmt sind, könnte ein Ausblick auf das neue Jahr angebracht sein. Men Among Animlas werden wahrscheinlich im März den Nachfolger zu Bad Time, All Gone veröffentlichen, der Run Ego, Run heißen wird. Gespannt warte ich auch auf ein Lebenszeichen von Il Tempo Gigante und besonders Ebird, die der dänische Musiklandschaft einen gewaltigen Tritt verpassen könnten.

Andreas Stonor (3.v.l) ist nicht mehr dabei, doch warten wir auf ein Lebenszeichen: Ebird.

In der etablierten Welt strebt DR in Zusammenarbeit mit den dänischen Studentenradios die Etablierung eines neuen Radiokanals an, der die Zukunft der musikalischen Gegenkultur bestimmen könnte – Im Guten wie im Schlechten – Dazu mehr an dieser Stelle, sobald es aktuell wird.

Und zum Schluss noch etwas zu diesem Blog. Ich habe ihn im September 2009, motiviert durch Helle Gabler (vielen lieben Dank), ins Leben gerufen, um den Überblick zu behalten, über die Konzerte, die ich gesehen habe (Es waren dieses Jahr, exklusive Roskilde, wohl um die 60), und um etwas anderes als immer nur akademische Aufgaben zu schreiben. Inzwischen gibt es 5-6 Klicks pro Tag. Die meisten, nämlich 60, gab es am 27. Oktober. Vieleicht auch auf Grund dieses Artikels, nein, ganz bestimmt sogar, obwohl mein Kommentar auf der dazugehörigen Internetseite vorübergehend gelöscht wurde. Auch einige Bands verlinken meine Artikel – obwohl des Deutschen nicht wirklich mächtig – auf ihrer Facebookseite (Anders Thrane, Caspian & The Good Times), danke dafür.

Bleibt noch zu erwähnen, was Obama als Schlagwort brachte. Für kurze Zeit war Four Sheets To The Wind In Copenhagen mit dem Prädikat “exzellentes Blog” ausgestattet. Da freut man sich doch sehr. Nur weiß wohl leider niemand, was genau das heißt, oder wie man diese Auszeichnung erreicht. Aber was solls? Immerhin habe ich so gelernt, dass Blog wohl ein Neutrum ist und also „Das Blog“ heißt (Ich werde wohl weiterhin den maskulinen Artikel bevorzugen)!

Ich wünsche allen da draußen ein frohes neues Jahr und viel Spaß mit neuer Musik aus Dänemark und Skandinavien.

Jan Christoph Hajek

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